Berlin : Aus dem Bauch heraus

Neuköllns Bürgermeister hält nichts von Political Correctness Dafür bekommt Heinz Buschkowsky derzeit viel Applaus

Werner van Bebber

In der Zuwandererstadt Berlin wirken Leute wie er fast altmodisch: Heinz Buschkowsky, 56 Jahre alt, lebt seit 56 Jahren im selben Bezirk, in Neukölln. Inzwischen ist Buschkowsky der Bürgermeister von Neukölln, und der Bezirk sieht dem Geburtsort von Heinz Buschkowsky nicht mehr sehr ähnlich. Er sei „aufgewachsen in einer dörflichen Idylle“, sagt Buschkowsky, der aus dem Neuköllner Süden stammt. „Man fuhr mit der Straßenbahn in die Stadt.“ Mit der „Stadt“ sei die Karl-Marx-Straße gemeint gewesen, die drittwichtigste Berliner Einkaufsstraße nach dem Kurfürstendamm und der Schloßstraße. An die Straßenbahnen erinnern ein paar kleinformatige Gemälde und Drucke in Buschkowskys Amtszimmer. In den Raum in der ersten Etage des Rathauses rinnt der Karl-Marx-Straßen-Lärm, wahrhaft großstädtisch in seiner Penetranz. Nur Straßenbahnen hört man nicht mehr.

Nichts liegt Buschkowsky ferner als nostalgisches Reden über das Neukölln der 50er Jahre, den Bezirk der handfesten Leute, wie er sagt. Dafür hat er den Niedergang des Neuköllner Nordens, der Gegend südlich des Hermannplatzes, schon zu lange beobachtet. Seit 1979 macht er Bezirkspolitik. Er hat die verschiedensten Stadtratsposten inne gehabt und in immer neuen Varianten mit den Problemen der Integration zu tun gehabt – so intensiv und lange und nachhaltig, dass er aus seinem stattlichen Bauch heraus dieser Tage lauter Dinge sagt, von denen offenbar viele denken, es sei endlich Zeit, sie auszusprechen. Buschkowsky sagt zum Beispiel, Multi-Kulti sei gescheitert. Er hält niederländische Verhältnisse in Deutschland für möglich. Er spricht von den türkischen und arabischen Bewohnern Neuköllns, und er tut das so unmissverständlich und unsoziologisch, dass man ihm mit der hauptseminarfesten Begriffsdefinition von „Multikulturalität“ nicht zu kommen braucht. Der Mann weiß, wovon er redet.

Was er so deutlich wie bislang nur wenige in der SPD zu sagen pflegt, das könnte in der Diskussion über die deutsche Einwanderergesellschaft zum Konsens werden – und damit zum Ausgangspunkt für eine wirksamere Integrationspolitik. Für Buschkowsky ist es nichts anderes als die pointierte Beschreibung der Neuköllner Verhältnisse – und neuerdings pflichten ihm viele gern bei.

In der Neuköllner SPD stimmt man ihm zu, wie Kreisvorsitzende und Migrationsfachleute gern bestätigen. Und in der Fraktion des Abgeordnetenhauses, die lange die Standpunkte der von Buschkowsky bespöttelten „Gutmenschen“ vertreten hat, fällt zumindest öffentlich niemand mehr über den Neuköllner Bürgermeister und seine düsteren Thesen her – nachdem man Buschkowskys Thesen in einer ersten Reaktion als „verheerend“ kritisiert hatte. „Ich finde die Diskussion fruchtbar“, sagt Buschkowsky.

Er habe in den vergangenen Tagen so viel Zuspruch wie noch nie in seinem Leben bekommen, sagt er. Andere hätten ihm zu verstehen gegeben, dass er sich politisch unkorrekt geäußert habe, nach dem Motto: So etwas sagt man nicht. Doch niemand habe ihm vorgeworfen: „Buschkowsky, du hast gelogen.“ Und das – daran lässt er keinen Zweifel – freut den Politiker aus Neukölln, der auf seine klare Ausdrucksweise stolz ist.

Sogar den sozialdemokratischen Sympathisanten allesverzeihender Einwandererverliebtheit ist etwas abhanden gekommen: die Entschlossenheit, Konflikte in den Berliner Problembezirken kleinzureden, deren Ursachen vor allem bei den Berlinern zu verorten und alle Probleme auf mangelnde Chancen und Arbeitsmöglichkeiten zurückzuführen. Buschkowsky glaubt schon länger, dass das Problem „wohl tiefer sitzt“. Und erzählt von einem Programm, das er als Jugendstadtrat gemacht hat: 50 Jobs in Neuköllner Jugendclubs habe er vergeben wollen. Die Bewerber hätten acht Stunden am Tag arbeiten müssen und dafür 2300 Mark brutto bekommen. „Von 50 Arbeitsplätzen konnte ich fünf besetzen“, sagt Buschwkowsky. Zwei von den fünf hätten länger als ein Vierteljahr durchgehalten, „und einer von den zweien hat uns noch die Jugendclubkasse geklaut“.

Buschkowsky hat als Kommunalpolitiker mit so ziemlich jeder Facette der Ausländerpolitik zu tun gehabt. Am Anfang, das sagt er seit Jahren, ist die Sprachkompetenz. Er habe mal eine Kindertagesstätte besichtigt und die Erzieherin gefragt, warum alle so leise seien. „Die sprechen keine gemeinsame Sprache“, sei die Antwort gewesen. So sei Neukölln zum ersten Bezirk mit einem Sprachförderprogramm für Kitas geworden. Alles, sagt Buschkowsky, habe man damals erfinden müssen, um Dreijährigen Sprachunterricht zu geben.

Der Mann ist Pragmatiker, und er ist Sozialdemokrat. So deutlich wie seine Erfahrungen sind seine Erkenntnisse: Ohne „Wertausgleich“ und Umverteilung von besser gestellten auf ärmere Bezirke sei etwa Neukölln nicht zu halten. Es gebe „beispiellose Armut“, sagt er. „Es gibt Menschen in diesem Bezirk, die bewegen 20 Euro.“ Vielleicht kann man ihm deshalb so gut zuhören, weil er jedes politische Thema an Begegnungen und Szenen erläutert – und über die spottet, die Probleme kleinzureden versuchen, indem sie sie hinter großen Worten verstecken. Jüngst musste sich Buschkowsky von einem Soziologen belehren lassen, dass es in Neukölln keine Parallelgesellschaften gebe, sondern „ethnische Kolonien“.

Er grinst, wenn er so etwas erzählt. Er weiß, wie der Soziologe angesehen würde, wenn er einem größeren Publikum mit ethnischen Kolonien käme. Er hat sich so oft darüber geärgert, dass es politisch korrekter war, die wachsenden Schwierigkeiten hinter Multikultifantasien verschwinden zu lassen, dass ihn die große Zustimmung einfach freut, die er nun erlebt. Was daraus noch wird, weiß er nicht. Wahrscheinlich tritt er 2006 noch mal als Bürgermeisterkandidat an. Wenn nicht, dann wird aus ihm ein Neuköllner, der sich von Neukölln auf Usedom erholt. Nichts mache er lieber, sagt er, als vom Ufer der Insel aufs Meer zu gucken.

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