Berlin : Aus dem Gericht: Diebischer Postbote

Kerstin Gehrke

Ein Dieb erinnert sich für gewöhnlich ziemlich genau an seine Beute. Erst recht, wenn er dabei stocknüchtern war. Doch bei Michael J. ist das anders. Bei ihm gehörte der Diebstahl irgendwann zum Alltag. Drei Jahre lang soll er während seines Dienstes bei der Post in fremde Briefe gegriffen, Geld stibitzt und damit seine Haushaltskasse aufgebessert haben. "Wenn ich meinte, dass etwas drin sein könnte, habe ich Briefe eingesteckt", gestand er gestern vor dem Amtsgericht Tiergarten. Der geschätzte Schaden von 20 000 Mark, den die Anklage nannte, erscheine ihm aber viel zu hoch. "Ich habe die Summe nicht aufgelistet, nicht gezählt", sagte der 45-Jährige.

Rund 20 Jahre lang stellte J. Briefe zu, hatte es bis zum Posthauptschaffner gebracht. Seit Anfang 1998 soll er dann regelmäßig Sendungen "abgefingert" und bei Geldverdacht eingesteckt haben. "Ob der Zeitraum stimmt, weiß ich nicht mehr", erklärte er dem Richter. "Ich weiß nicht, warum ich das gemacht habe." Nach seiner Schätzung war es "wohl zwei- bis dreimal die Woche". Nach seinem Dienst in Marienfelde öffnete er in seinem Keller die Beute. Fand er Geld, floss es in seine Haushaltskasse. Manche Briefe klebte er wieder zu und warf sie am nächsten Tag ein, andere vernichtete er.

Aber in seinem Bereich häuften sich Reklamationen von Kunden. Eine Frau musste mehrfach erleben, dass die kleinen Finanzspritzen ihrer Mutter nicht eintrafen. Postermittler wurden eingeschaltet. Sie stellten fest: immer wenn J. im Dienst war, fehlte etwas.

Dem Mann, der sich bislang nichts zu- schulden kommen ließ und der als zuverlässiger Mitarbeiter galt, wurde eine betriebsinterne Falle gestellt. Zehn Glückwunschsendungen mit Bargeld wurden so eingeschleust, dass sie bei J. landeten. Tatsächlich kamen drei davon nicht dort an, wo der Postzusteller sie hinbringen sollte. Stattdessen fand man sie und 13 weitere Briefe im Keller des Angeklagten.

Seine Karriere als Post-Beamter war damit beendet. Weil der genaue Schaden nicht ermittelt werden konnte, einigten sich die Post und J. auf 3000 Mark. Wegen Briefunterdrückung in 295 Fällen und Diebstahls wurde er zu einem Jahr Haft auf Bewährung verurteilt.

Von einer Geldstrafe sah das Gericht ab. J. versuche sich jetzt als Staplerfahrer und sei finanziell nicht gut gestellt, sagte der Richter und fand, dass der Angeklagte über das Urteil "nur froh" sein könne.

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