Berlin : Aus dem Häuschen

Seit dem Abzug der amerikanischen Streitkräfte 1994 verfallen die ehemaligen US-Villen in der Waldtiersiedlung. Die Anwohner sind empört

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Von Frank Thadeusz

„Hier sieht’s aus wie bei den Vandalen, das spottet jeder Beschreibung“, sagt Beate Schubert. Die Anwohner in der Waldtiersiedlung in Schmargendorf regen sich auf über die heruntergekommenen Eingeschosser der U.S. Army. Sie wurden damals am Rande des Grunewalds zuhauf für das Personal der U.S. Army Berlin Brigade gebaut. „Zigarrenkisten haben wir damals dazu immer gesagt“, erinnert sich Dokumentarfilmerin Schubert. Als die letzten Einheiten der U.S. Army 1994 aus Berlin abgerückt sind, fielen auch die 69 Grundstücke in der Nähe des Grunewaldsees in den Besitz des Bundesvermögensamtes (BVA). Seit drei Jahren müht sich die Oberste Finanzdirektion (OFD), die aus diesem Bestand übrig gebliebenen 28 Objekte für den Bund in klingende Münze zu verwandeln. Bislang mit wenig Erfolg.

Dass nun einer der aus Fertigteilen bestehenden Klötze in der Luchsstraße herausgeputzt ist „wie eine Puppenstube“, verblüfft Schubert über die Maßen. Ein zweiter Blick sorgt dann für Klarheit: Ein Fernsehteam hatte das Haus nur für Dreharbeiten zur RTL-Krimiserie „Balko“ oberflächlich hübsch zurechtgemacht. Es bleibt also alles beim Alten in der Waldtiersiedlung. Ein beträchtlicher Teil der Gegend, in der die Straßen Goldfinkweg oder Frischlingsteig heißen, verfällt langsam – zum Verdruss der Anwohner. „Der Markt ist im Augenblick einfach nicht da“, klagt Matthias Bick, Gruppenleiter für Liegenschaften des OFD. Außerdem machen der Bundesbehörde die hohen Bodenrichtwerte im Südwesten zu schaffen. Wegen der Nähe zu Dahlem ist für diese Gegend ein Preis von 970 Euro pro Quadratmeter veranschlagt. Den kann das OFD kaum unterbieten, will es sich nicht dem Vorwurf der Verschwendung von Steuergeldern aussetzen.

Ortsbesichtigung am Fischottersteig: Die verlassenen Häuschen wirken wie die verwitterte Kulisse aus einer amerikanischen Vorstadtserie, die schon vor langer Zeit vom Sender genommen wurde. Wem dieser morbide Charme als Kaufanreiz nicht genügt, findet vielleicht Gefallen am Zuschnitt der Wohnungen. Mit dem ersten Schritt durch die Haustür steht man gleich mitten im Wohnzimmer. „Typisch amerikanisch eben“, meint OFD-Mann Bick. Die Bundesbehörde verfolgt im Grunewald konsequent eine Strategie, die Bick so beschreibt: „Wir wollen die Häuser verkaufen. Es hat also keinen Sinn, hier kurzfristig einen Mieter reinzusetzen.“

Die Marschrichtung des OFD bringt den Stadtrat fürt Personal und Wohnen in Charlottenburg-Wilmermersdorf, Joachim Krüger (CDU), ziemlich auf die Palme. „Ein langsames Dahinsiechen“ attestiert er den einstigen U.S.-Grundstücken. Am liebsten würde er der Bundesbehörde eine saftige Strafe für den Leerstand aufbrummen. Das ist aber rechtlich nicht mehr möglich, seit das Berliner Oberverwaltungsgericht im Juni die Zweckentfremdungsverbots-Verordnung gekippt hat. Krügers Argumente klingen deshalb eher nach Appell als nach einer Drohung: „Wir haben in Wilmersdorf einen Wohnungsleerstand unter 1, 2 Prozent. Wir brauchen den Wohnraum in dieser Gegend".

Anlaufstelle für gut betuchte Obdach Suchende war die Wildtiersiedlung von Anfang an. Wenige Wochen vor dem Zweiten Weltkrieg entstanden 1939 auf dem parzellierten Baugrund des Grunewald-Teilstückes erste Villen und Landhäuser. In den Genuss der privilegiert platzierten Immobilien kamen Berliner, die wegen der neuen Staatsbauten im Charlottenburger Hochschulviertel ihre Bleibe verloren hatten. „Rege Bautätigkeit herrscht jetzt westlich der Kronprinzenalle“, verkündete damals das „Grunewald-Echo“.

Vorerst blieb die Waldkolonie freilich ein beschaulicher Ort. „Nicht so edel wie die benachbarte Villenkolonie Grunewald, aber noch immer in bevorzugter Lage“, erinnert sich der Heimatforscher Wolfgang Homfeld.

In der Waldtiersiedlung haben sich verschiedene Bauherren verewigt. „Das ist das Manko der Gegend: die heterogene Bauweise“, resümiert Kai Hansen. Den Stil-Mix „von der Nissenhütte über den siebziger Jahre Bungalow bis zur Villa“ hat der Projektmanager Wohnen der Immobilienholding IVG als „erheblichen Nachteil“ der einstigen Top-Adresse ausgemacht. Pech also für die Chefs des Bonner Unternehmens, dass sie dem Bund 1999 Grundstücke im Gesamtumfang von rund 14 700 Quadratmeter aus dem Nachlass der Amerikaner abgekauft haben, von denen bislang gerade mal 2000 bebaut wurden. Denn neben den genannten Mängeln nagt auch an der IVG die Flaute in der Baubranche. „Man bereut inzwischen generell Grundstückskäufe, die man in den Neunzigern gemacht hat“, gesteht Hansen. Der macht sich dennoch Mut: „Die Wildtiersiedlung bleibt unser interessantestes Projekt in der Region". Am Wildentensteig sind inzwischen Stadtvillen für mehrere Familien geplant. Doch momentan ist völlig unklar, wann mit dem Bau begonnen werden soll.

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