Aus dem Kino in die Columbiahalle : Die "Ziemlich besten Freunde" treten in Berlin auf

"Ziemlich beste Freunde" erzählt die wahre Geschichte eines schwer behinderten Millionärs und seines Pflegers. Der Film aus Frankreich war der Überraschungserfolg des Jahres in den deutschen Kinos. Am Montagabend konnten die Berliner die wahren Helden der Geschichte treffen.

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Echte Männerfreundschaft: Den Pfleger Abdel Sellou und den Millionär Philippe Pozzo di Borg verbindet eine ungewöhnliche Freundschaft. Ihre Geschichte wurde verfilmt.
Echte Männerfreundschaft: Den Pfleger Abdel Sellou und den Millionär Philippe Pozzo di Borg verbindet eine ungewöhnliche...Foto: dpa

Über neun Millionen Menschen haben den Film „Ziemlich beste Freunde gesehen. Um die Protagonisten aus dem wirklichen Leben zu sehen, den querschnittgelähmten Philippe Pozzo di Borgo und seinen langjährigen Pfleger Abdel Sellou, waren am Montagabend auch viele Behinderte in die restlos ausgebuchte Columbiahalle gekommen. Die „Aktion Mensch“ und der Hanser Verlag hatten aus Anlass des ersten Live-Auftritts der beiden in Deutschland zu einem fröhlichen Fest geladen, barrierefrei für Rollstuhlfahrer. Außerdem waren Gebärdendolmetscher für Gehörlose und  Schriftdolmetscher für Hörgeschädigte im Einsatz, es gab eine Autodeskription für Blinde. Inklusion ist das Thema des Abends. In seinem neuen Buch „Ziemlich verletzlich, ziemlich stark“, zeigt Pozzo die Borgo Wege zu einer Gesellschaft auf, in der nicht nur Leistung und Perfektionismus zählen.

Am Anfang wurde noch mal die Szene gezeigt, wie die beiden zusammenkamen. Philippe Pozzo di Borgo war 42 Jahre alt, als er mit dem Gleitschirm abstürzte und vom Hals ab querschnittgelähmt blieb. Nach anderthalb Jahren in Kliniken kam er nach Hause. Seine Frau war da schon sterbenskrank. Er  brauchte einen Intensivpfleger. Der arbeitslose Ex-Sträfling Abdel war eigentlich nur zum Vorstellungsgespräch erschienen, um eine Unterschrift fürs Arbeitsamt zu bekommen, dass er sich um den Job bemüht habe. Warum um alles in der Welt hat er ausgerechnet den ungehobelten, mitleidlosen Immigrantensohn eingestellt, wo doch lauter hoch qualifizierte Bewerber Schlange standen?

„Ich war Geschäftsmann“, versucht er am Dienstagmorgen bei der Vorstellung seines neuen Buchs im Kleisthaus in Mitte eine Erklärung. „Er war sehr stark, intelligent, schnell und absolut furchtlos. Er hatte keine Berührungsangst.“ Die Freundschaft sei erst später gekommen. Zehn Jahre blieb Abdel sein Pfleger. Die Freundschaft dauert bis heute an. Als in der Columbiahalle am Ende alle für die Dolmetscher applaudieren, klatscht Abdel seine Hand gegen die seines ehemaligen Schützlings. Der hat ihn mal „unerträglich, eitel, stolz, brutal, unzuverlässig menschlich“ genannt. Immer wieder spricht er von seinem „Schutzteufel“.

Heute setzt sich Pozzo di Borgo ein für die Inklusion von Behinderten, für die vollständige und  gleichberechtigte Teilhabe aller Menschen an allen gesellschaftlichen Prozessen. Dass er dieses Konzept mit seiner ungewöhnlichen Personalentscheidung vor 20 Jahren schon selber praktiziert hat, erklärt er mit den „Notwendigkeiten“, die es damals gab. Sein Begriff von Behinderung ist sehr weit. Es gibt danach nicht nur körperlich und geistig Behinderte, sondern auch sozial Behinderte. Für ihn sei die Depression, in die er nach dem Tod seiner Frau versunken sei, eine viel schlimmere Behinderung gewesen als die körperliche Einschränkung. Abdel war für ihn vor allem auch eine Quelle der Lebensfreude. Was sie alles angestellt hätten zusammen, will jemand wissen. „Das zensieren wir jetzt mal“, sagt Philippe Pozzo di Borgo. Ein Beispiel wird aber aus dem Film eingespielt: die wilde Fahrt im Maserati mit Polizeiverfolgung.

Als es ihm im Winter 2003 richtig schlecht ging, habe Abdel um sein Leben gefürchtet und ihn nach Marokko gebracht. Dort ist das Klima besser für ihn. Und dort lernte er auch seine zweite Frau kennen, mit der er heute glücklich ist. Auch sie war mitgekommen in die Columbiahalle.

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