Berlin : Aus der Ferne sieht alles anders aus

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Von Lars von Törne, Sydney

Der Blick aus dem Fenster von Klaus Wowereits Hotelzimmer ist spektakulär. Rechts die Oper von Sydney mit dem berühmten Zackendach, links die gigantische Harbour Bridge, dazwischen der malerische Hafen. Der Himmel ist grau, es regnet in Strömen. Das soll das Land sein, in dem die Sonne immer scheint? Eine Urlaubsreise sieht allerdings anders aus. Nach einer Stadtrundfahrt mit dem Geschäftsträger der deutschen Botschaft geht es am Sonnabend wieder zum Hafen zurück. Auf dem Fährboot „Olympic Storm“ empfängt die Präsidentin des australischen Senats, Margaret Reid, die Gäste. Sie hatte Wowereit eingeladen – nicht als Regierenden Bürgermeister, sondern in seiner Funktion als Bundesratspräsident. Eigentlich wollte er schon zwei Tage früher eintreffen, um das 25-jährige Jubiläum der deutsch-australischen Handelskammer mitzufeiern. Dass er dann wegen des Bush-Besuchs später kam, nehmen ihm seine Gastgeber nicht übel.

Was den Streit um den Bush-Besuch angeht, scheint aus der Ferne alles ebenfalls ein bisschen anders auszusehen. „Es war die richtige Entscheidung, wegen Bushs Besuch die Reise zu verschieben“, sagt Klaus Wowereit im Rückblick. „Ich habe mich gefreut, ihn zu treffen.“ Von gemischten Gefühlen, einem Gewissenskonflikt oder einem Rückzug um des lieben politischen Friedens willen will er jetzt nichts mehr wissen. Als er noch geplant hatte, trotz Bush nach Australien zu fliegen, da sei sein Informationsstand ein anderer gewesen als später. „Als wir merkten, er bleibt lange genug, um sich mit ihm zu treffen, haben wir sofort das Programm umgeschmissen.“ Dass George Bush nur 19 Stunden bleiben würde, stand allerdings immer fest. Das gemeinsame Essen mit dem Präsidenten im „Tucher“ sei zwar Gerhard Schröders Idee gewesen; die Entscheidung, dafür in Berlin zu bleiben, sei aber einzig von Wowereit selbst gekommen. Nach Bekanntwerden seiner Reisepläne und der Kritik daran hatte Wowereit von einer „unerträglichen Debatte“ gesprochen. Er verzichte auf die Reise, um nicht zum „Spielball von Wahlkampfinteressen“ zu werden, begründete er am 7. Mai die Verschiebung der Reise.

Neben politischer Kontaktpflege wollen Wowereit und seine Delegation auch Werbung für die eigene Stadt machen. Einer derjenigen Berliner, die sich viel vom Besuch des Bundesratspräsidenten versprechen, ist FU-Präsident Peter Gaethgens. Der FU-Chef zeigt sich nach einem mit einem Vertreter der deutsch-australischen Handelskammer begeistert, „dass man hier Wissenschaft und Wirtschaft in einem Atemzug nennt". Ihren zähen Streit um das FU-Klinikum Benjamin Franklin haben Wowereit und Gaethgens vorübergehend begraben und jetzt gemeinsam für den deutsch-australischen Wissenschaftsaustausch. So soll demnächst ein Stipendienprogramm jährlich fünf Australiern das Studium in Deutschland ermöglichen.

Rückenwind durch Wowereits Doppelfunktion verspürt der Geschäftsführer der Wirtschaftsförderung Berlin, Hans Estermann. Dadurch, dass Wowereit als Bundesratspräsident in Australien ist, sei das Interesse an Deutschland und Berlin viel größer. „Wir werden nicht sofort nach der Rückkehr greifbare Ergebnisse bekommen“, schränkt Wowereit allerdings ein, während das Ausflugsboot sich langsam wieder gen Hafen bewegt. „Es geht darum, Deutschland stärker ins australische Bewusstsein zu bringen.“

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