Berlin : Aus der Flussbadeanstalt in die weite Welt

Die Wasserfreunde Spandau 04 feiern 100-jähriges Bestehen. Über 100 deutsche Meisterschaften haben sie gewonnen – doch vor allem engagieren sie sich für den Breitensport

Rainer W. During

Vor 180 Jahren herrschte noch Ordnung im Badebezirk. 1826 war sie eingerichtet worden, die erste Flussbadeanstalt an der Oberhavel – da, wo heute der Wröhmannpark ist. Soldaten aus der örtlichen Garnison lernten hier in der gegenüberliegenden Militärbadeanstalt neben der Zitadelle das Schwimmen. An Angeln hängend mussten sie versuchen, sich in der Havel über Wasser zu halten. Im öffentlichen Freibad waren die Bereiche für Männer und Frauen selbst zur Wasserseite hin durch Holzverschläge streng voneinander abgetrennt. Heute dagegen tanzen bei den Wasserfreunden Spandau 04 die Go-Go-Girls am Beckenrand, und auch sonst herrscht Partystimmung unter Spandauer Schwimmfans. Ihren Heimatbezirk haben die Wasserfreunde weltweit bekannt gemacht. Der Verein feiert in diesem Jahr sein 100-jähriges Bestehen.

Seit Jahrzehnten ist der Name des Vereins das Synonym für Wasserball der Spitzenklasse, doch auch in anderen Disziplinen waren Vereinssportler erfolgreich. Rund 100 Deutsche Meisterschaften und Titel im Schwimmen, Springen und Wasserball haben die Wasserfreunde gewonnen. Dazu kommen zehn Europameisterschaften und eine Weltmeisterschaft. Trotz der Superlative bleibt der Club, der in diesem Jahr sein 100-jähriges Bestehen mit einem großen Festprogramm feiert, der Basis verbunden. „Die neue Art des Sportvereins der Zukunft wird mehr und mehr eine soziale Komponente haben“, sagt Wasserball-Manager Sven-Uwe Dettmann.

Die Geschichte des Vereins begann, als der Pächter der Flussbadeanstalt, Reinhard Hönigk, Schauveranstaltungen organisierte, um für den Schwimmsport zu werben. Daraus entstand am 12. Juni 1904 der von ihm mit elf Mitstreitern gegründete Spandauer Schwimm-Club. Ziel war neben der „Hebung und Förderung des Schwimmsports“ auch „die kostenfreie und sachgemäße Ausbildung der Mitglieder“. Weil die Herren zunächst unter sich blieben, organisierte die Sportlehrerin Käthe Dombernovsky bereits zwei Jahre später mit der Gründung des ersten Spandauer Damen-Schwimmvereins die weibliche Konkurrenz. 1909 reagierte der damalige Herrenclub mit einer eigenen Damenabteilung.

In den Folgejahren boomt der Schwimmsport in Spandau, und so entstanden zahlreiche weitere Vereine. Darunter befanden sich 1911 auch die Spandauer Wasserfreunde, von sechs Nutzern der Militärbadeanstalt zum Zwecke des „volkstümlichen Schwimmen und Ballspiel“ gegründet. Mit der Entstehung einer eigenen Jugendabteilung entwickelte sich auch die sportliche Komponente, die im September 1911 zum Antrag auf „Anschaffung einer Stoppuhr zu Trainingszwecken“ führte. Im selben Jahr wurde das städtische Hallenbad an der Radelandstraße eröffnet, endlich konnte man auch in der damals noch selbstständigen Stadt Spandau das ganze Jahr über trainieren. Mit Paul Keller, der ein Jahr später bei den Olympischen Spielen in Stockholm die Bronzemedaille gewann, wurde erstmals ein deutscher Meister gestellt. Jahrzehntelang machten sich die beiden Vereine Konkurrenz, bis die Gründung der Wasserball-Bundesliga 1976 zur Fusion führte. Grund waren die hohen Kosten für die Reisen zu den Auswärtsspielen, erinnert sich der langjährige Vizepräsident Udo Lehmann. So entstand die Idee einer gemeinsamen Spitzenmannschaft mit entsprechender Nachwuchsarbeit. Auch bei den Vereinsfarben kam es zur großen Koalition. Der Spandauer Schwimm-Club lieferte das Rot, die Wasserfreunde das Schwarz. Seit 1979 ist der Verein das führende deutsche Wasserball-Team, auch dank der Aufbauarbeit des 1986 verstorbenen Trainers Alfred Balen.

Nachdem die Wasserfreunde vergeblich versucht hatten, im Kombibad an der Gatower Straße Fuß zu fassen, und der geplante Ausbau des Freibades Oberhavel sie fast in den Ruin gestürzt hatte, fanden sie nach dem Abzug der britischen Schutzmacht ein neues Domizil im benachbarten Charlottenburg. Gerade wurde ein mehrjähriger Nutzungsvertrag für das Hallen- und Freibad im Sportforum am Olympiastadion abgeschlossen. Dennoch bleibt der Verein seiner Heimat verbunden. Drei Viertel der rund 2200 Mitglieder kommen aus Spandau, auf der Zitadelle und an der Oberhavel sind auch weiter einige der inzwischen insgesamt elf Abteilungen – von Angeln und Basketball über Tauchsport und FKK bis hin zu Tennis – beheimatet. Als der Bezirk kein Geld mehr hatte, übernahm man das sommerliche Ferienschwimmen: Kita-Kinder aus der gesamten Hauptstadtregion lernen bei den Wasserfreunden zu Schwimmen.

Auftakt der Jubiläumsfeiern ist am 24. April ab 10 Uhr der traditionelle Saisonstart des Berliner Motoryachtverbandes mit über 250 Booten am ehemaligen Strandbad Oberhavel. Am 12. Juni gibt es einen Festakt auf der Zitadelle und ab 15 Uhr am Sportforum parallel zum Wasserball-Länderspiel Deutschland-Kroatien ein Kinder- und Sommerfest. Am 19. Juni bildet ein Volksschwimmen mit Beachparty an der Zitadelle den Höhepunkt. Das Jubiläumsbuch „Aus der Havel in die Welt“ gibt es für zwölf Euro in der Geschäftstelle (Telefon 35102270, E-Mail: info.wasserball@spandau04.de).

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