Berlin : Aus der Röhre in den Stau

Experten warnen: Nach der Öffnung des Tiergartentunnels wird es lange Warteschlangen an den Ein- und Ausfahrten geben

Klaus Kurpjuweit

Täglich stöhnen Autofahrer über den Stau vor Ampelanlagen, deren Schaltung die Fahrt oft stoppt. Dabei kommt die größte Herausforderung erst noch: Mit der Eröffnung des Straßentunnels der B 96 unter dem Tiergarten erwarten Fachleute den Superstau an den Ein - und Ausfahrten der Röhren. Die Freigabe des Tunnels wurde, wie berichtet, erneut verschoben, soll aber spätestens zur Fußball-WM erfolgen. Die täglich bis zu 60 000 Autos im Tunnel, mit denen die Planer rechnen, treffen am Ende der Fahrt immer nur auf Stadtstraßen, die zum Teil in Spitzenzeiten schon heute überlastet sind. Und auf Ampelanlagen, die den Verkehr so steuern sollen, dass im Tunnel kein Stau entsteht. Dabei gibt es schon mit einfacheren Anlagen große Probleme.

Als relativ unproblematisch gilt die Zufahrt zur Heidestraße. Staugefährdet ist dann bereits die Ausfahrt Invalidenstraße, der gleich die Zufahrt zum Parkhaus des Hauptbahnhofes folgt. Die Hauptein- und -ausfahrt soll nach dem Willen der Planer am Kemperplatz bei der Philharmonie sein. Dort endet der zweispurige Tunnelabschnitt. Die Strecke weiter bis zu den Uferstraßen am Landwehrkanal ist nur einspurig. Die Planer setzen voraus, dass nur die Autofahrer Richtung Tempelhof und Kreuzberg bis zum Ende des Tunnels fahren.

Von der Hauptausfahrt am Kemperplatz führt die Strecke dann das kurze Stück über die Ben-Gurion-Straße zwischen dem Sony-Komplex und der Philharmonie bis zur Kreuzung mit der Potsdamer und der Leipziger Straße, wo die meisten Autofahrer dann links oder rechts Richtung Alexanderplatz oder Schöneberg abbiegen müssen.

Der Straßenzug Potsdamer und Leipziger Straße ist bereits heute zu Stoßzeiten am Morgen und Abend ein Nadelöhr. Um den Tunnelverkehr über die Kreuzung führen zu können, müssen die Grünphasen der Ampeln für die Geradeausfahrt über die Potsdamer und Leipziger Straße weiter verkürzt werden. Für Fußgänger dürfte die Wartezeit an den Übergängen noch länger werden als heute.

Ähnlich sieht es am südlichen Ende des Tunnels am Landwehrkanal aus. Auch dort müssen die Autos rechtwinklig in die Uferstraßen einbiegen, was eine aufwändige Ampelschaltung erfordert.

Nach einer Ortsbesichtigung mit dem Verkehrsexperten des ADAC, Jörg Becker, haben die Planer noch einige Änderungen vorgenommen. So soll es nach Möglichkeit für die Einfahrt in die Röhren jeweils zwei Abbiegespuren geben. An der Potsdamer Straße ist jetzt eine neue Spur für die Fahrt Richtung Kemperplatz gebaut worden. „Was möglich ist, um Stau zu vermeiden, wurde gemacht“, so Becker. Doch der Stau wird kommen, ist der Experte überzeugt.

Eine „saubere Lösung“ hätte es, so Becker, nur gegeben, wenn der Tunnel im Norden und Süden direkten Anschluss ans Autobahnnetz hätte. Einst war dies auch geplant, doch den Autobahnbau hat die Bürgerinitiative Westtangente verhindert. CDU und SPD einigten sich deshalb zu Beginn der 90er Jahre darauf, nur einen Tunnel für den Stadtstraßenverkehr zu bauen. Auf Ein- und Ausfahrten zur Straße des 17. Juni verzichtete man.

Wer bei der Tunnelfahrt mehrfach im Stau stecken geblieben sein wird, werde sich bald andere Wege suchen, prophezeit Becker. Auch oberirdisch durchs Regierungsviertel, wo die bisherige Straßenführung beibehalten werden soll.

Optimistisch sind dagegen die Ampelplaner beim Senat: „Wir schaffen das“, sagt Rolf Brodback von der Verkehrslenkung. Die Bewährung kommt bald.

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