Berlin : Aus der Unterwelt an den Potsdamer Platz

In der Türkei gilt er als notorischer Krimineller. Jetzt will Sedat Sahin die Discothek „Blu“ übernehmen. Daimler-Chrysler hält sich über den neuen Betreiber bedeckt

Suzan Gülfirat,Thomas Seibert

Von Suzan Gülfirat

und Thomas Seibert

Zuerst war es nur ein Gerücht, dann stand es auf der Titelseite der türkischen Boulevardzeitung Hürriyet: „Sedat Sahin will die Discothek Blu am Potsdamer Platz übernehmen.“ Sollte es so kommen, betreibt einer, den die türkischen Zeitungen als „Unterweltkönig“ bezeichnen, das Edeltanzlokal im Daimler-Chrysler-Gebäude am Marlene-Dietrich-Platz. Bisher haben Heiko Moritz und Swonko Kischnick die Disco gepachtet – und lassen Wochenende für Wochenende den blauen Lichtstrahl über der Stadt kreisen.

Der 39-jährige Sedat Sahin hat eine lange, undurchsichtig scheinende Geschichte. Er kam unter anderem nach dem Mord an einem Polizisten in Istanbul in die Schlagzeilen – und ins Gefängnis. Als er 1997 wieder freikam, floh er Presseberichten zufolge ins Ausland, um einer erneuten Verhaftung zu entgehen. Am 22. September 1998 wurde er in Berlin festgenommen, nachdem man ihn bereits einige Zeit mit internationalem Haftbefehl gesucht hatte. Seiner Bande wird unter anderem vorgeworfen, den Drogenhändler Mehmet Nafi Capan erschossen zu haben. Am 10. April 2000 wurde Sahin nach Verbüßung seiner Haftstrafe an die Türkei ausgeliefert – und dort zu mehreren Jahren Haft verurteilt. Im Dezember 2000 kam er aber wieder frei. Doch am Staatssicherheitsgericht in Istanbul läuft gegen ihn noch ein Verfahren wegen des Verdachts auf Bildung einer kriminellen Vereinigung.

Die Hürriyet zeigte im Rahmen ihrer Berichterstattung über die Disco-Pläne auch ein Foto von Derya Ömürlü, der sich in der Öffentlichkeit als Berliner „Teilhaber“ der mehrköpfigen Gruppe aus Berlin und Istanbul ausgibt, die die dreistöckige Discothek an einem der prominentesten Plätze der Stadt übernehmen will. „Sedat Sahin wird uns unterstützen und uns unter die Arme greifen, wo er kann“, zitiert die Zeitung Ömürlü. Am gleichen Tag, als die Nachricht erschien, rief Sedat Sahin von Istanbul aus in der Hürriyet-Redaktion in Berlin an und bat um eine „Richtigstellung.“ Die Hürriyet hatte ihn als „Susurluk-Sahin“bezeichnet. Mit diesem „Geschehen“ habe er rein gar nichts zu tun, sagte Sahin. Der Hintergrund: Die anatolische Stadt Susurluk ist bekannt geworden, als im November 1996 ein Mafiaboss und ein Polizeichef in ihrer Nähe bei einem Verkehrsunfall ums Leben kamen. In dem Wagen saßen auch ein Abgeordneter der konservativen Partei des Rechten Weges der früheren Ministerpräsidentin Tansu Ciller. Seitdem steht der Name Susurluk für den Filz zwischen Staat und Verbrecherbanden.

Zwei Tage später veröffentlichte die Tageszeitung das Dementi. Sedat Sahin legt darin Wert auf die Feststellung, dass sein Name nie öffentlich in dem Susurluk-Prozess genannt wurde. Gleichzeitig bestätigt Sahin, dass er in die Berliner Nachtclub-Branche einsteigen will. Am Freitag vor einer Woche fand schließlich die glamouröse Eröffnung der „Disco Blu Hamam“–so wurde jedenfalls die Feier in türkischen Medien angekündig – mit einer brasilianischen Tanzshow, Discjockeys, Stars und Sternchen aus Istanbul statt. Die Tageszeitung Milliyet berichtete mit der Überschrift: „Die Disco, über die Berlin spricht: Sedat Sahins Discothek eröffnet.“ Die Veranstalter in Berlin hatten solch eine Party für jedes Wochenende versprochen. Dabei war noch nicht einmal der Pachtvertrag unterschrieben. Vergangene Woche bestätigte ein Mitarbeiter der Immobilien-Abteilung von Daimler-Chrysler, dass es Gespräche mit den türkischen Interessenten gegeben habe. „Das Blu wird einen neuen Betreiber bekommen“, sagte er. Wer das sein wird, werde bekannt gegeben, sobald die Verträge unterzeichnet seien. Eine türkische Discothek werde es nicht geben.

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