Berlin : Aus Ideen Umsatz machen

Berlin will die Zusammenarbeit von Forschern und Firmen verbessern. An der Charité klappt sie schon

Henning Zander

In der Forschung ist Berlin Spitze: Die Hauptstadt hat von allen deutschen Metropolen die höchste Dichte an Forschungseinrichtungen und Universitäten. Die Ausgaben für Forschung und Entwicklung liegen hier bei etwa vier Prozent des Bruttoinlandsproduktes, weit über den von der Bundesregierung angepeilten drei Prozent. Dennoch konnte die Hauptstadt aus diesem innovativen Potenzial bislang wenig Nutzen schlagen: Nur etwa 1,8 Prozent der in Deutschland angemeldeten Patente sind nach Angaben des Deutschen Patentamtes aus Berlin. Wirtschaft und Wissenschaft wollen das ändern. Erst kürzlich warb die Berliner Industrie- und Handelskammer auf einer Veranstaltung in der Charité für ein neues „Patentbewusstsein“ bei Firmen und Forschern.

Hintergrund für die geringe Patentausbeute Berlins ist die schwache Industrie. Denn die meisten Erfindungen, aus denen Patente werden, kommen von großen Industrieunternehmen. „Wenn ein Unternehmen wie Samsung ein Werk dichtmacht, fällt das auch bei den Patentanmeldungen ins Gewicht“, sagt Siegfried Helling, Projektkoordinator der Technologiestiftung Berlin.

Die Hauptstadt ist daher auf die Innovationsfähigkeit der Forschungseinrichtungen angewiesen. Diese haben inzwischen erkannt, dass sie einen wichtigen Beitrag für den Standort leisten können. „Wir haben einen Übergang von einer Forschungseinrichtung zu einem Forschungsunternehmen“, sagt Dietmar Heyland vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR), das eines ihrer Institute im Technologiepark Adlershof angesiedelt hat. Man wirke darauf hin, dass der Wert der wissenschaftlichen Arbeit weniger an Veröffentlichungen und mehr an der Patentfähigkeit gemessen werde.

Auch die Universitäten stellen die Anwendbarkeit der Forschung immer mehr in den Vordergrund und fördern Ausgründungen. Besonders erfolgreich ist dabei das Universitätsklinikum Charité. Bislang gingen 17 Unternehmen aus Forschungsprojekten hervor. Im Jahr 2002 wurde für die Betreuung der Wissenschaftler bei der Unternehmensgründung eine Technologietransferstelle eingerichtet. „Wir betreuen die Wissenschaftler von der Gründungsidee, über die Erstellung eines Business-Plans bis zu der Prüfung von Schutzrechten“, sagt Anette Schröder von der Technologietransferstelle.

Die Firma VMScope ist so eine Charité-Ausgründung. Gründer Kai Saeger und seine Kollegen forschten dort drei Jahre an einem Projekt zur virtuellen Mikroskopie. Ein Scanner erstellt von Gewebeproben hoch auflösende Bilder. Die Projektgruppe entwickelte eine Software, mit der über das Internet in Echtzeit auf diese Bilder zugegriffen werden kann. Keine leichte Aufgabe, denn jedes Bild hat wegen der hohen Auflösung eine Datenmenge von mehr als 40 Gigabyte. „Als wir auf den Markt kamen, hatten wir schon eine erste Machbarkeitsstudie. Das war im Wettbewerb ein entscheidender Vorsprung. Schon im Startjahr konnten wir unseren ersten Umsatz erzielen“, sagt Saeger.

Auch der Unternehmer Hartmut Ritter setzt auf die Kooperation mit der Uni. An der Freien Universität ist das Netzwerk entwickelt worden, das Ritter über die Firma Scatterweb in Moabit vertreibt. Er selbst hat als wissenschaftlicher Assistent in der Projektgruppe „Computer Systems & Telematics“ der FU gesessen, in der die Software programmiert und die ersten Platinen hergestellt wurden. Scatterweb ist ein sich selbst organisierendes Funknetzwerk, das von der Hausüberwachung bis zur Meeresforschung vielseitig eingesetzt werden kann.

„Irgendwann kam uns der Gedanke, dass etwas mehr hinter unseren Ideen stecken könnte. Es reizte uns, auf den Markt zu gehen“, sagt Ritter. Inzwischen hat Ritter zwei Diplomanden eingestellt, mit denen er marktfähige Prototypen entwickelt. Die Kooperation mit der Uni bleibt ein wichtiger Bestandteil der Arbeit. „Jedes Semester sind etwa 50 Studenten über Projektseminare oder Diplomarbeiten mit dem Projekt beschäftigt“, sagt Ritter. Interessante Ideen, die dort entwickelt werden, kauft Scatterweb der Universität ab.

Doch selbst wenn junge Hightech-Firmen erste Erfolge aufweisen, können sie nur einen geringen Beitrag zum Abbau der hohen Arbeitslosigkeit in Berlin leisten. Nach Angaben des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) beschäftigen neu gegründete deutsche Hightech-Firmen im ersten Jahr gerade mal fünf Personen. Und auch ein weiteres Problem macht dem Standort Berlin zu schaffen: Auch wenn hier mit zunehmendem Erfolg entwickelt und geforscht wird, so werden doch die daraus entstandenen Produkte meist an einem anderen Ort hergestellt. „So was drehen sie nicht über Nacht“, sagt Christoph Lang, Sprecher der Senatsverwaltung Wirtschaft. Bis zur Marktreife eines Produktes etwa in der Biotechnologie dauere es mehrere Jahre. Viele kleine Unternehmen seien jedoch gerade auf dem Sprung, sich auf dem Markt zu etablieren. Das Wachstum in den forschungsintensiven Branchen wie Pharma, Medizin, IT, Biotechnologie sei beachtlich. „Die Investitionen in Hochtechnologie tragen erste Früchte“, sagt auch Hartmut Mertens von der Investitionsbank Berlin.

Hartmut Ritter von Scatterweb plant, bis Ende des Jahres fünf neue Mitarbeiter einzustellen. Sein Unternehmen wird sich auf die Entwicklung der Software konzentrieren. Die Hardware allerdings wird in Bayern produziert.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben