Berlin : Aus Prinzip: Nur Lebende können Ehrenbürger werden

Pro & Contra: Soll Ernst Reuter zu seinem 50. Todestag, als Ausnahme von der Regel, posthum geehrt werden?

Brigitte Grunert

Das feierliche Gedenken ist Ernst Reuter zum fünfzigsten Todestag gewiss. Darauf achtet Klaus Wowereit. Mit einem Festakt im Roten Rathaus und einer Ausstellung wird der SPD/PDS–Senat Leben und Werk des großen Berliner Freiheitskämpfers und Regierenden Bürgermeisters ehren, der am 29. September 1953 im Alter von 64 Jahren starb. Aber Ehrenbürger posthum wird Reuter nicht. Diesen CDU-Vorschlag lehnen der Senat und die anderen Fraktionen ab.

Die beste dauerhafte Ehrung für Ernst Reuter sei die Ernst-Reuter-Plakette, sagen Alice Ströver von den Grünen und SPD-Fraktionssprecher Peter Stadtmüller. Die Silberplakette mit dem Reuter-Kopf wird seit 1954 vergeben. Der SPD-Mann Reuter, der während der Blockade die „Völker der Welt“ um Hilfe rief und den Berlinern Mut machte wie kein anderer, starb im Amt – zu früh für die Ehrenbürgerwürde. Nach den von Reuter selbst am 28. April 1953 unterzeichneten Richtlinien können nur Lebende Ehrenbürger werden, die Berlin auch weiter mit ihrem Rat dienen können. Das klingt seither in jedem Ehrenbürgerbrief an.

Niemand dachte also nach Reuters Tod an die Verleihung posthum. Der CDU/FDP-Senat unter Walther Schreiber (CDU) beschloss allerdings am 22. März 1954 gleich mehrere Ehrungen für Reuter, so die Benennung des Ernst-Reuter-Platzes und die Stiftung der Ernst-Reuter-Medaille. Die Medaille wurde seit 1954 an 178 Persönlichkeiten verliehen, zuletzt am 31. Januar 2003 an den Versandhauschef und Mäzen Werner Otto. Mehrere ehemalige Regierende Bürgermeister und Bundesminister, Geistesgrößen und Künstler erhielten die Ernst-Reuter-Plakette, so auch Götz Friedrich, Walter Jens, Karl-Heinz Bröhan, Wolf Jobst Siedler, Kurt Sanderling, Inge Meysel sowie vom Tagesspiegel Joachim Bölke und Günter Matthes.

Seit den neunziger Jahren trat diese Ehrung in den Hintergrund. Eberhard Diepgen stiftete den Landesverdienstorden. Und das Parlament erregte mit peinlichen Debatten über die Ehrenbürgerwürde Aufsehen. Diese vergibt der Senat im Benehmen mit dem Parlament. Früher signalisierten die Fraktionen diskret ihre Zustimmung. Das änderte sich seit dem Streit um die Übernahme Ost-Berliner Ehrenbürger. Er entzündete sich am Sowjetgeneral Nikolai Bersarin, der 1945 wenige Wochen bis zu seinem Unfalltod der erste und einzige Stadtkommandant war. Ost-Berlin machte ihn 30 Jahre nach seinem Tod zum Ehrenbürger. Der Diepgen-Senat strich Bersarin, da es keine Ehrung posthum gebe. Ausnahmen machte er bei den ebenfalls von Ost-Berlin posthum ernannten Ehrenbürgern Heinrich Zille und Otto Nagel.

Klaus Wowereit tat dem Koalitionspartner PDS schließlich 2002 den Gefallen, Nikolai Bersarin wieder in die Liste aufzunehmen; sie umfasst jetzt 112 Namen seit 1813. Und zum Ausgleich wurde auch Marlene Dietrich posthum geehrt. Jetzt windet sich der Senat im Fall Reuter. „Das Vermächtnis Ernst Reuters“ sehe die Ehrung nach dem Tod nicht vor, sagt Senatssprecher Günter Kolodziej (PDS). Bei Bersarin habe man die Ehrenbürgerschaft lediglich „wiederhergestellt“ und bei Marlene Dietrich „nachgeholt“. Die Dietrich-Ehrung scheiterte 1989, weil die Diva keine öffentliche Ehrung wollte.

SPD, FDP und Grüne haben inzwischen genug vom Gezänk. Schluss mit der Ehrung posthum, heißt es. Nur CDUFraktionsgeschäftsführer Frank Henkel versteht nicht, dass „die eigenen SPD-Genossen“ die Reuter-Ehrung ablehnen: „Für mich sind Ernst Reuter, Willy Brandt und Eberhard Diepgen die größten Berliner Nachkriegspolitiker.“ Die FDP wiederum steht mit ihrem Vorschlag allein da, Ernst Reuter die Niederkirchnerstraße zu widmen, wo das Abgeordnetenhaus sitzt. Straßenumbenennungen machen immer böses Blut, und Käthe Niederkirchner wurde als KPD-Widerstandskämpferin von den Nazis umgebracht. Klaus Wowereit indes konzentriert sich längst auf die Gedenkfeier für Ernst Reuter, der im Freiheitskampf vom großen Kommunalpolitiker zum Volkstribun und Staatsmann wurde.

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