Berlin : Aus Versehen einen Chagall geklaut - Dieb wollte eigentlich nur das Auto

Werner Schmidt

Einer der größten Berliner Kunstdiebstähle der letzten Jahre ist aufgeklärt. Bei dem Diebstahl am 20. März an der Knesebeckstraße in Charlottenburg waren Gemälde und Zeichnungen verschiedener Künstler wie Ernst Barlach, Marc Chagall, Käthe Kollwitz und Heinz Trökes im Gesamtwert von deutlich über einer Million Mark entwendet worden. Der Fahrer des Lieferwagens einer nordrhein-westfälischen Spedition sollte die Bilder zu verschiedenen Galerien und Auktionshäusern bringen. Er hatte nach dem Einchecken ins Hotel nachgesehen, ob auf einem nahegelegenen Parkplatz noch Platz war, als der Wagen verschwand.

Durch die Aufmerksamkeit einer Kriminalbeamtin, die in einem ganz anderen Fall von Autodiebstahl ermittelte, konnte der Fall jetzt geklärt werden. Ein einfacher Autodiebstahl hatte aus einem 29-jährigen Deutsch-Polen einen der größten Kunstdiebe Berlins gemacht. Bereits Ende April nahm die Polizei zwei 29 und 31 Jahre alte Männer fest: Den Dieb und seinen Hehler. Ein Großteil der verschwundenen Kunstwerke wurde wiedergefunden, einen Teil hat der Dieb aber auch vernichtet - denn er konnte mit den Kunstwerken nichts anfangen.

Bei einer Wohnungsdurchsuchung bei dem Autodieb stieß die aufmerksame Kriminalbeamtin aus der für Kreuzberg und Neukölln zuständigen Direktion 5 auf zwei hinter einem Schrank versteckten Bilder. Da diese nicht zur übrigen Wohnungseinrichtung passten, nahm sie sie mit. Die Überprüfung ergab, dass sie zu denjenigen zählten, die mitsamt dem Transporter verschwunden waren. Der Mann gestand, dass er den Wagen gestohlen hatte, um ihn Polen zu verkaufen. Von der Ladung sei er ganz überrascht gewesen. Durch die Berichterstattung erfuhr er vom Wert der Kunstwerke. Er vernichtete sechs Metallobjekte, 14 Holzdrucke sowie acht Zeichnungen auf verschiedenen BSR-Höfen, da er sie für wertlos hielt. Sie wurden nicht wieder gefunden. Ein 2 Meter mal 1,70 Meter großes Bild von Förg, in Acryl auf Holz gemalt, hat der Dieb angeblich zersägt und ebenfalls vernichtet.

Vier Tage nach dem Diebstahl verkaufte er den Rest an einen 31 Jahre alten Hehler aus Schöneberg. Der magere Erlös belief sich nur auf einige 1000 Mark. Zwar verlangte der Dieb eine höhere Summe, aber der pfiffige Hehler weigerte sich, für die "heiße Ware" mehr zu zahlen. Denn der 31-Jährige sah die Kunstwerke wohl als Gunst der Stunde und wollte sie für spätere magere Zeiten aufbewahren. Er versteckte sie in einem Keller an der Potsdamer Straße, wo die Polizei sie sicherstellte. Neben den vernichteten Bilden sind noch zwei Werke von Trökes verschwunden - "Sonnenhände" und "Sonnebad" heißen die beiden 50 mal 42 Zentimeter großen Ölbilder.

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