Berlin : Aus vollen Kübeln

Tief Ilse beschert der Stadt unrühmliche Rekorde: Schon jetzt fiel doppelt so viel Regen wie sonst im ganzen August. Aber der Natur ist’s recht

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Die Meteorologen haben eine gute Nachricht und eine schlechte. Zuerst die schlechte: Ilse erweist sich als ein hartnäckiges Tief, dunkel und grau wälzt es sich auch heute über die Stadt in Richtung Schwarzes Meer. Schon gestern Abend bescherte uns Tief Ilse einen unrühmlichen Rekord. Fast 130 Liter Regen prasselten in den ersten zwölf Augusttagen herab – das ist bereits die doppelte Menge eines üblichen Augusts. In Berlin wurden einige Straßen unterspült, am Autobahnkreuz Schönefeld gab es gar einen Erdrutsch. Für heute haben die Meteorologen eine Wetterwarnung wegen des erwarteten Regens herausgegeben.

Die gute Nachricht: Hoch Hein ist vom Atlantik aus im Anzug. Hein bringt ab Donnerstag Sonne, Wärme, blauem Himmel – und bleibt vielleicht sogar ein Weilchen in der Region. Denn die sieben kritischen Wochen seit dem Siebenschläfer sind vorüber. Nach dem 27. Juni hatten die Meteorologen, wie berichtet, wechselhaftes Wetter vorausgesagt – und Recht behalten. „Die Chancen stehen gut, dass es jetzt wieder ruhiger wird“, sagt Susanne Danßmann vom Wetterdienst Meteomedia. „Auf keinen Fall sollte man den Sommer schon ganz abschreiben.“

Leichter gesagt, als am Montag getan. Da wollte es erst gar nicht hell werden, später kam der Nieselregen, dann der stundenlange Guss. Tief Ilse war kein Schirm gewachsen. Und keine Regenjacke. Klatschnass wurde es, auch im Boden unterm Straßenasphalt, weswegen ein Abschnitt der Schlichtallee in Lichtenberg gesperrt werden musste. Auch an der Heerstraße befürchtete die Polizei am Abend Fahrbahnabsenkungen. Auf der A 13 am Schönefelder Kreuz gab es einen regelrechten Erdrutsch, hieß es beim Lagedienst der Polizei – das Kreuz soll noch bis heute Abend gesperrt sein. Die Feuerwehr zählte bis zum späten Abend jedoch unter 100 Einsätze mit dem Stichwort „Wasserschaden“. „Alles im normalen Bereich“, hieß es beim Schifffahrtsamt. Der Pegel von Havel, Spree und Landwehrkanal sei kurzfristig angestiegen, aber brenzlig oder gar gefährlich sei es nie geworden.

Ganz im Gegenteil. „Wir können uns nur freuen“, sagt Hartmut Balder vom Berliner Pflanzenschutzamt. Denn was den Menschen derzeit schwer aufs Gemüt schlägt, kommt der Natur recht. Der Dauerregen wäscht die Blätter sauber, die Büsche sprießen und nebenbei steigt allmählich das Grundwasser. Was Berlin gut gebrauchen kann. „Da lagen wir in den letzten Jahren immer im Minus“, sagt Balder. Nur eines könne den Pflanzen bei anhaltendem Regen gefährlich werden: Staunässe im Erdreich. Dafür aber gilt Berlin mit seinem sandigen und lehmigen Boden als unempfindlich. Da müsse es „schon über Wochen erheblich regnen“, sagt Balder. Den meisten ein Fluch, den Grünflächenämtern ein Segen. „Glück gehabt diesen Sommer“, freut sich Hans-Gottfried Walter, Amtsleiter in Mitte. In seinem Bezirk müssten nur zuweilen die Kübelpflanzen zusätzlich Wasser bekommen, ansonsten versorgen sich die Bäume im Humboldthain, Tiergarten und den Rehbergen selbst.

Den Menschen bleibt da nur der tröstliche Ausblick. Auf Hoch Hein. Und das Vergessen. Denn wer erinnert sich heute noch an das Wetter des vergangenen Jahres? Da kübelte während eines Monats die dreifache Menge des Normalen vom Himmel, genau: 310 Prozent – oder 141 Liter. „Das war der nasseste September seit über 100 Jahren“, verkündeten damals die Meteorologen. Aber das ist längst vergessen. Katja Füchsel

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