Berlin : „Ausdauersport erhöht den Blutfluss“

Ablagerungen in den Gefäßen können zu Schlaganfall, Herzinfarkt oder auch zur „Schaufensterkrankheit“ in den Beinen führen. Warum das so ist und was eine Rehabilitation dagegen tun kann, das erklärt die Internistin Waltraut Fahrig

Foto: promo
Foto: promo

Frau Fahrig, was ist eine Arteriosklerose?

Umgangssprachlich nennt man diese Erkrankung auch „Arterienverkalkung“ - und das trifft die Sache eigentlich ziemlich gut: In den Wänden der Blutgefäße lagern sich Blutfette – allen voran das Cholesterin – ab, die sich über die Jahre dort in Kalk umwandeln. Dadurch verlieren die Gefäßwände ihre Elastizität, sie werden härter. Die Adern verengen sich, so dass immer weniger Blut durch diese hindurchströmen kann. Wenn so eine Ansammlung von Fetten und Kalk, ein sogenannter Plaque, aus der Gefäßwand in das von Blut durchströmte Gefäß durchbricht, kann es im schlimmsten Fall durch Gerinnselbildung zu einem vollständigen Verschluss kommen, so dass gar kein Blut mehr durchkommt.

In welchen Blutgefäßen treten diese Verkalkungen auf?

Die Ablagerungen können sich in allen größeren Schlagadern bilden. Besonders gefährlich sind sie jedoch in der Hirnschlagader, den Herzkranzgefäßen und den Beinarterien: Eine Arteriosklerose in der Hirnschlagader führt zu Durchblutungsstörungen im Gehirn und bei einem vollständigen Verschluss zum Schlaganfall. Bei Kalkablagerungen in den Herzkranzgefäßen kommt es zur sogenannten koronaren Herzkrankheit bis hin zum Herzinfarkt. Und bei einer Verengung der Beinarterien kann die sogenannte Schaufensterkrankheit auftreten.

Was ist die Schaufensterkrankheit?

Eigentlich heißt diese Erkrankung periphere arterielle Verschlusskrankheit. Man nennt sie jedoch anschaulich auch Schaufensterkrankheit, da die Betroffenen beim Gehen so starke Schmerzen haben, dass sie sozusagen vor jedem Schaufenster stehen bleiben müssen.

Sind Schmerzen ein Zeichen für Arteriosklerosen?

Ja, sie sind sogar das typische Symptom. Insbesondere der Belastungsschmerz. Er tritt auf, wenn man sich anstrengt, zum Beispiel beim Treppensteigen oder beim Sport: Dann werden die Gliedmaßen oder Organe, die von der Arterienverkalkung betroffen sind, nicht mehr ausreichend durchblutet und beginnen, wehzutun. Beim Herzen nennt man diesen Belastungsschmerz Angina Pectoris. Sobald die Anstrengung nachlässt, hört auch der Schmerz auf. Allerdings tritt der Belastungsschmerz bei großen Arterien wie den Herzkranzgefäßen oder den Beinarterien erst dann auf, wenn sie schon zu zwei Dritteln eingeengt sind. Man merkt also erst ziemlich spät, dass man an Arteriosklerose leidet.

Was kann man gegen die Kalkablagerungen tun?

Die schädlichen Ablagerungen befinden sich in der Gefäßwand, man kann sie also nicht einfach abkratzen. Wenn sie sich gebildet und zu höhergradigen Gefäßengen geführt haben, können die Ärzte lediglich versuchen, die Durchblutung durch eine sogenannte Revaskularisation wiederherzustellen oder zu optimieren. Dafür gibt es zwei operative Verfahren: Die Katheter-Technik, bei der die verengte Arterie durch einen Ballon mit hohem Druck aufgedehnt und anschließend als Gefäßstütze ein sogenannter Stent eingesetzt wird, oder die Bypass-OP, bei der die Ärzte sozusagen eine Umleitung um die verengte Stelle legen, damit das Blut wieder ungehindert fließen kann.

Nach diesen beiden Eingriffen ist eine Reha wahrscheinlich angebracht.

Ja, in jedem Fall, aber nicht nur dann. Auch Patienten, die wegen anderer Leiden, die mit ihrer Arteriosklerose in Verbindung stehen, stationär behandelt wurden, sollten eine Anschlussheilbehandlung machen. Das können zum Beispiel Patienten mit Herzschwäche, Lungenembolie, einem entgleisten Bluthochdruck oder auch nach einer Herzschrittmacher-Implantation sein. Da man die Kalkablagerungen nicht entfernen kann, sind die Durchblutungsstörungen eine chronische Erkrankung, die auch fortschreitet. Damit der Gesundheitszustand der Patienten wiederhergestellt wird und sich nicht verschlechtert, ist es alle vier Jahre möglich, eine medizinische Rehabilitation zu beantragen.

Was passiert dann während der Reha?

Eine Reha bei Herz- und Gefäßkrankheiten besteht in der Regel aus mehreren Therapiemodulen, die meist in Gruppen stattfinden. Dazu zählen unter anderem Bewegungstherapien, ärztliche Informations- und Schulungsprogramme, Ernährungsberatung und psychologische Betreuung. Letztere dient vor allem der Krankheitsbewältigung, schließlich ist beispielsweise ein drohender oder bereits erlebter Herzinfarkt kein Pappenstiel, sondern mit vielen Ängsten verbunden. Ganz besonders wichtig ist bei Arteriosklerosen die Bewegungstherapie. Denn durch Bewegung – und vor allem durch Ausdauersport – erhöht sich der Blutfluss. Und je höher der Blutfluss ist, desto gesünder bleiben die Gefäßwände. Rehabilitanden mit einer koronaren Herzkrankheit trainieren daher meist auf dem Fahrradergometer und Patienten mit der Schaufensterkrankheit auf dem Laufband. Dabei werden Blutdruck und EKG natürlich stets überwacht.

Warum erhalten die Rehabilitanden eine Ernährungsberatung?

Für Arteriosklerosen gibt es vor allem vier Risikofaktoren: Nikotinkonsum, zu hoher Blutdruck, Diabetes und zu hohe Blutfettwerte, insbesondere ein zu hoher Cholesterinwert. Diese vier gilt es auch nach einer Reha weiter zu kontrollieren: Der Lebensstil sollte angepasst werden, gegebenenfalls müssen Bluthochdruck, erhöhte Blutfette und Diabetes mellitus medikamentös eingestellt werden, damit die Arterien nicht noch mehr verkalken. Natürlich wird während einer Reha auch versucht, den Patienten das Rauchen abzugewöhnen, ebenso wie sie über ihre Erkrankung allgemein informiert und zu Verbesserungen ihres Lebensstils geschult werden. Die richtige Ernährung ist neben der Bewegung jedoch ganz besonders wichtig, wenn es darum geht, Rückfälle zu vermeiden.

Was kann ein Patient mit einer Arteriosklerose nach der Reha tun, um gesund zu bleiben?

Am besten: In seinem Alltag sollte er alles das anwenden, was er in der Reha gelernt hat. Das bedeutet: Nicht rauchen, sich gesund ernähren und sich ausreichend bewegen – also mindestens drei Mal die Woche für 30 Minuten. Dafür kann man sich auch einer Herzsport-Gruppe anschließen, deren Kosten die Krankenkassen als Nachsorgeleistung zum Teil übernehmen.

Waltraut Fahring

ist die Leiterin des Ambulanten Rehazentrums am Evangelischen Krankenhaus Hubertus in Berlin. Mit der Internistin und Kardiologin sprach Magdalene Weber.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben