Berlin : Ausflügler lieben die Gegend am Langen See

Steffi Bey

Wenn die Straßenbahn allmählich langsamer wird und vorsichtig in die Ekhofstraße einbiegt, ist Endstation. Die Linie 62 hat ihr Ziel Wendenschloß erreicht. Und mit ihr viele Ausflügler und Spaziergänger. Vor allem an den Wochenenden und bei schönem Wetter zieht es viele in dieses Köpenicker Gebiet. Wer in die Müggelberge will oder ins Freibad Wendenschloß, kann hier seine Wanderung beginnen: Vorbei an schmucken Villen die teilweise mit Schnitzereien und kleinen Türmchen verziert sind, entlang neuer Einfamilienhäuser, umgeben von viel Grün und hohen Nadelbäumen. Es zwitschert von überall her, und man hat das Gefühl weit entfernt von der Großstadt zu sein. Während die vielbefahrene Wendenschloßstraße in den vergangenen Jahren saniert wurde, sind die Seitenstraßen in einem holperigen Zustand.

Vor allem die älteren Bewohner von Wendenschloß wünschen sich bessere Gehwege. Diejenigen, die nur zu Besuch sind, stört das allerdings weniger. "Ich finde es hier toll und genieße jedesmal den wundervollen Ausblick", schwärmt ein älterer Herr und setzt sich zufrieden auf eine Bank am Möllhausenufer. Von hier aus kann er direkt die Grünauer Regattatribüne auf der anderen Seite des Langen Sees sehen. Man fühlt sich an einen schönen Sommerurlaub erinnert. Unzählige Segelboote und Motoryachten bieten ein abwechslungsreiches Schauspiel. Erst die am Ufer befestigten Ruderkähne, die durch den Wellenschlag kräftig gegen den Steg donnern, holen einen in die Wirklichkeit zurück. Viele Radfahrer sind unterwegs und wer Glück hat, ergattert noch einen Picknickplatz am Waldeingang. Erfahrungsgemäß werden die rustikalen Stühle und Tische aus Baumstämmen in den nächsten Wochen und Monaten rund um die Uhr belegt sein. Der Köpenicker Helmuth Ligolla gehört sozusagen zu den Stammgästen. Er genießt dort fast täglich sein zweites Frühstück und macht anschließend oft noch einen Abstecher ins "Haus der Begegnung" an der Niebergallstraße.

Für viele ältere Menschen ist es zu einer zweiten Heimat geworden. Mehrere Vereine und Institutionen bieten unter einem Dach zehn verschiedene Kurse an. Es gibt Sport- und Selbsthilfegruppen, aber auch Kaffeenachmittage, Tanzabende und Lesestunden. Momentan beschäftigt aber sowohl die Besucher als auch die festen und ehrenamtlichen Mitarbeiter nur ein Thema: Was wird aus dieser seit zehn Jahren bestehenden Seniorenfreizeitstätte - der einzigen weit und breit"? "Die Erben haben das Haus zurückerhalten", berichtet die Leiterin Karla Kenitz. Doch der Bezirk, der die Einrichtung betreibt, hat Kontakt zu den Alteigentümern aufgenommen. "Wir hoffen jetzt, dass Köpenick das Haus kaufen kann", sagt Kenitz. "Das muss gemeinsam gelingen", betont Helga Padelt, vom Bürgerverein. Sie weiß aus eigener Erfahrung, wie wichtig es ist, Kontakte zu pflegen und gemeinsame Erlebnisse zu teilen.

Seit 1949 lebt die 71-Jährige in Wendenschloß. In den letzten Jahren stellte sie fest, "dass es auch hier immer anonymer wird." Vor allem die Hinzugezogenen würden isoliert und zurückgezogen leben. "Die sehen nur ihr Eigenes und wollen überhaupt keinen Kontakt zu den Nachbarn", beschreibt sie ihre Beobachtungen. So hat der Bürgerverein schon mehrmals "die Neuen" ins "Haus der Begegnung" eingeladen, um mit ihnen ins Gespräch zu kommen. Aber die Angebote der Alteingesessenen seien ausgeschlagen worden. Doch Helga Padelt resigniert deshalb noch lange nicht. Sie wird sich auch weiterhin um Kontakte bemühen. Jetzt will die Seniorin die Leute mobilisieren, um gegen die geplante Schließung eines nahen Supermarktes zu kämpfen. Er befindet sich zwar außerhalb der historischen Villenkolonie, sei aber der einzige, auch für ältere Menschen erreichbare Laden. Sollte der Markt tatsächlich dicht machen, gebe es weit und breit keine Einkaufsmöglichkeiten mehr, ärgert sich die Köpenickerin. Schon jetzt gebe es in der Kolonie kein Geschäft mehr, sagt sie. Der Fisch-, der Gemüse- und der Lebensmittelladen haben die Wende nicht überlebt.

Für die jüngeren mobilen Bewohner ist diese Situation kein Problem. An der langgestreckten Wendenschloßstraße eröffneten in den vergangenen Jahren einige neue Lebensmittelgeschäfte.

Ist die Umgebung auch noch so schön, einige Ausflügler haben Wendenschloß enttäuscht verlassen. Denn das Gaststättenangebot ist eher mau. "Wir brauchen mehr Restaurants", fordert auch Helga Padelt. "Vor allem niveauvolle Angebote." Es gab zwar in den zurückliegenden Monaten einige Versuche auf diesem Gebiet, doch die Cafés und Kneipen hätten inzwischen wieder geschlossen. Das Argument, es würde sich an diesem Standort nicht lohnen, wollen die Einheimischen nicht gelten lassen. "Der Bedarf ist vorhanden, ich sehe doch, wie viele Touristen im Sommer an meinem Garten vorbeiziehen", sagt ein junger Mann. Er ist überzeugt, dass auch genügend Einheimische neue Kneipen in Wendenschloß annehmen würden.

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