Berlin : Ausflug zum Aufstand

Veteranen des 17. Juni erinnern an ihren Protest

Thomas Loy

Vor 55 Jahren ist er den Weg schon mal gelaufen. Mit einem „inneren Zorn“. Damals war er besser zu Fuß und ließ sich von der Menge mitreißen. Heute muss Klaus Gronau, Aufständischer des 17. Juni 1953, die kleine Freiheitsdemonstration selbst mit Parolen in Schwung halten. „Sie haben uns den Feiertag geraubt. Gebt uns unseren 17. Juni zurück!“

Sie haben sich eine große Deutschlandfahne besorgt, Styroporplatten mit Parolen beschrieben und ihren Protestzug bei der Polizei angemeldet. Es geht – wie fast jedes Jahr – zum „Haus der Ministerien“ an der Leipziger Straße, heute Sitz des Finanzministeriums. Dort legen sie Kränze für die Opfer nieder, die Getöteten und diejenigen, die in Bautzen und dem Stasi-Gefängnis Hohenschönhausen einsaßen.

Klaus Gronau kam damals nicht ins Gefängnis. Er flüchtete vier Jahre später mit seiner Familie nach West-Berlin. Sein Vater, ein ehemaliger Postbeamter, war schon lange Schikanen des Regimes ausgesetzt. Zu den demonstrierenden Arbeitern stieß Gronau am 16. Juni 1953, dem ersten Tag des Aufstands, eher zufällig. Am frühen Nachmittag – die Berufsschule war gerade vorbei – beobachtete er, wie ein Bauarbeiter mit einem Vorschlaghammer Autos zertrümmerte. Das war für den 16-jährigen HO-Einzelhandels-Lehrling ein Fanal – er entschied: „Da gehste mit.“

Im Glühlampenwerk, dem späteren Narva-Werk an der Spree, riss er mit anderen sozialistische Spruchbänder von den Wänden, am folgenden Tag bewarf er an der Oberbaumbrücke Volkspolizisten mit Steinen, weil sie auf Arbeiter geschossen hatten. Als russische Soldaten aufmarschierten, machte Klaus Gronau jedoch kehrt. „Da wurde mir mulmig. Vor denen hatte man Respekt.“

Von der Frankfurter Allee, Höhe Weberwiese, bis zum Haus der Ministerien sind es rund fünf Kilometer. Viele alte Kämpen wollten sich diese Strecke nicht mehr zumuten und haben für heute abgesagt. Auch deshalb sind sie nur ein Häuflein von 20 Leuten. Gronau sichert seine Schritte selber mit einem Stock. Wenn ihm die Puste ausgeht, lässt er sich ein Stück im geliehenen Rollstuhl schieben. Carl-Wolfgang Holzapfel, Vorsitzender der „Vereinigung 17. Juni 1953“, hat sich Joggingschuhe übergezogen. Mit dem Megaphon ermahnt er die Protestierenden immer wieder, etwas langsamer zu gehen, damit die alten Veteranen nicht den Anschluss verlieren. Alle mühen sich, bei Grün über die Ampeln zu kommen. Den Verkehr möchten sie nicht länger als nötig aufhalten.

Holzapfel erinnert daran, dass der Volksaufstand in der DDR für die späteren Aufstände in Budapest, Prag und Danzig „wegweisend“ gewesen sei. „Wir wuchern viel zu wenig mit diesem Pfund.“ Er versucht, das Feuer des Freiheitskampfes mit einer historischen Parole zu entfachen: „Reiht euch ein, wir wollen freie Menschen sein.“ Die Angesprochenen am Straßenrand lächeln und schlecken weiter ihr Eis. Es scheint, als würden sie den bunten Protestzug als historische Folklore missverstehen.

Elisabeth Quast, 33, Studentin auf Lehramt, fordert auf ihrem Plakat die „Gleichstellung aller Opfer staatlicher Gewalt.“ Ihr geht es aber weniger um Opferrenten als das Wachhalten der Geschichte. Der 17. Juni werde in Münchener Schulen – die kennt sie aus eigenem Erleben – kaum thematisiert. Weil jüngere Menschen mit diesem Datum wenig anfangen könnten, geht Studentin Quast eben auf die Straße.

Am Finanzministerium formieren sich die Teilnehmer zum Kreis. Der quadratische Platz vor dem Gebäude soll künftig „Platz des 17. Juni 1953“ heißen, fordern die Demonstranten. Klaus Gronau sitzt wieder im Rollstuhl und ruft mit kräftiger Stimme seine Parolen. Eine fällt etwas aus dem historischen Rahmen: „Die Sonne, sie lacht, wir haben schon lange keinen Ausflug mehr gemacht.“

Thomas Loy

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