Ausflugsziel Brandenburg an der Havel : Von Möpsen und Menschen

Franziskaner und Slawen, Till Eulenspiegel und Loriot: Alle hinterließen Spuren in Brandenburg an der Havel. Die Stadt am Fluss ist ein perfektes Ziel für Kulturbegeisterte. Auf Schritt und Tritt sieht man auch Industriearchitektur, Backsteingotik und mosaikgeschmückte Gehwege.

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Mops vor der St. Johanniskirche - zur Erinnerung an Loriot Foto: Kitty Kleist-Heinrich
Mops vor der St. Johanniskirche - zur Erinnerung an LoriotFoto: Kitty Kleist-Heinrich

Mit solchen Bildern werben anderswo Großstädte um Touristen. Kaum naht der Abend in Brandenburg an der Havel, da erstrahlt das Innere der einstigen Werfthalle am Ufer des Flusses in kräftigen, warmen Rottönen. Auch draußen am Kai gehen die Spots an, sie bringen die rötlichen Klinkermauern zwischen den haushohen Fenstern zum Leuchten. Und knapp unterm Dach verkünden riesige illuminierte Buchstaben: "Werft". Industriekultur am Wasser. Das passt zum Zeitgeist, aber auch zur Vergangenheit des Gebäudes. Das Gelände war einst als Volkswerft ein DDR-Vorzeigeprojekt, benannt nach dem früheren KPD-Chef Ernst Teddy Thälmann. Trawler wurden dort gebaut, Schweißbrenner zischten, Kräne quietschten. Doch die Geschichte nahm nach der Wende auch an diesem Ort eine ganz andere Wendung.

Die einstige Thälmann-Werft - heute ein schickes Restaurant im Industriedesign. Foto: Kitty Kleist-Heinrich
Die einstige Thälmann-Werft - heute ein schickes Restaurant im Industriedesign.Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Heute wird in der „Werft“ Möhren-Ingwer-Suppe serviert, Wels-Filet in Zitronengras-Sud oder Hirschgulasch. Der Trend zum „Loft-Living“, zu hohen, lichtdurchfluteten Räumen aus Backstein, Glas und Stahl brachte private Geldgeber vor Jahren auf die Idee, das lange geschlossene, heruntergekommene Werftgebäude in ein außergewöhnliches Restaurant zu verwandeln. Ende 2014 wurde es eröffnet. An der Decke hängt ein hölzernes Sechser-Ruderboot mit eingebauten Strahlern, die Öffnung nach unten; es dient als Lampenschirm. „Vor zwei Jahren war hier am Ufer abends noch alles stockduster“, sagt Geschäftsführer Falk Nebiger. „Trotz unserer zentralen Lage direkt an der Jahrtausendbrücke.“

Die leicht geschwungene Havelbrücke zwischen Alt- und Neustadt bekam ihren Namen 1929 anlässlich der Jahrtausendfeier der Stadt. Ein Blick rundherum von ihrem höchsten Punkt macht rasch klar, wie stark sich Brandenburg an der Havel in den vergangenen zehn Jahren verändert hat: Es ist eine kulturell spannende, lebhafte Stadt geworden, bestens geeignet für einen Wochenendtrip oder einen Kurzurlaub. Und das nicht nur zur Sommersaison, wenn die „Stadt am Fluss“ zum Baden und Bootfahren lockt.

Die Jahrtausendbrücke über die Havel Foto: Kitty Kleist-Heinrich
Die Jahrtausendbrücke über die HavelFoto: Kitty Kleist-Heinrich

Schräg gegenüber der Werft, an den Stegen des Altstadtufers, schaukeln Flöße dicht an dicht. Dahinter steht ein saniertes Backsteingebäude, über eine Außentreppe und Galerie erreicht man die Maisonette-Räume im ersten Stock. Einst war dies eine Drahtzieherei, die nach ihrer Schließung verfiel. 2008 kaufte ein junges Brandenburger Paar das Haus und baute schicke Gästezimmer ein mit Blick aufs Wasser und die Werft. Seither vermieten Ingo und Christiane Dierich in ihrer „Pension Havelfloß“ Unterkünfte und schwimmende Feriendomizile. Auch die Flöße haben sie selbst entworfen und gebaut.

Starthilfe für Stadtflaneure gibt’s gleich nebenan an der Jahrtausendbrücke. Eine originelle Adresse für Kaffeetrinker. An beiden Enden wurden die im Krieg zerstörten Brückenhäuschen rekonstruiert. Dort standen einst die Zolleintreiber, jetzt gurgeln darin Espressomaschinen. Zwei Café-Bars sind eingezogen, jeweils mit ein paar gemütlichen Plätzen.

Die Altstadt ist auf Inseln gebaut, von Seen umringt

Gestärkt kann man von dort losspazieren, am besten rechts und links der Havel am Heinrich-Heine- oder Salzhofufer auf breiten Parkwegen. Danach geht’s zur Altstadt mit ihren Gassen, jahrhundertealten Häusern und einem gotischen Schmuckstück, dem Rathaus. Weiter zur Neustadt oder dem ältesten Bauwerk der Stadt, dem Dom St. Peter und Paul auf der Dominsel, wo Otto der Große 948 den ersten christlichen Vorposten inmitten eines von slawischen Stämmen besiedelten Sumpfgebietes gründete. Das sind die drei traditionsreichen Teile der Wasserstadt - auf Inseln gebaut, von Seen umringt, von Kanälen und Havelarmen durchflossen, mit Brücken, Schleusen und Dämmen verbunden und von vier gut erhaltenen Wehrtürmen überragt.

St. Johanniskirche an der Havelpromenade. Foto: Kitty Kleist-Heinrich
St. Johanniskirche an der Havelpromenade.Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Man kann aber auch erst mal von der Jahrtausendbrücke nur einige Schritte zur St.-Johannis-Kirche laufen und dort erleben, wie die Brandenburger Anstalten machen, mit Mut zum architektonischen Experiment und mit Humor ihre frühere Bedeutung als fortschrittliche und wichtige Stadt der Mark zurückzugewinnen. Als Brandenburg im 14. und 15. Jahrhundert noch Mitglied des Hansebundes war, hatte die Stadt ihre Blütezeit. Damals bekam sie das Recht, den Namen des Landes zu tragen.

Die Klosterkirche St. Johannis der Franziskaner hat schlechte Zeiten hinter sich. Wie der Brandenburger Dom Sankt Peter und Paul oder die St. Katharinen- und St.-Gotthardt-Kirche ist sie von schönster nordischer Backsteingotik geprägt. Doch ihre Westfront wurde durch Bomben zerstört, danach war sie dem Verfall preisgegeben, sollte in den letzten DDR-Jahren abgerissen werden. Dank der Wende kam es nicht dazu, danach sicherte man das Gotteshaus notdürftig, aber erst zur Bundesgartenschau 2015 gelang der große Wurf. Die aufgerissene Westseite wurde mit riesigen Scheiben komplett verglast, sodass man vom Boden bis zum Dachfirst hineinschauen kann. Spektakulär war dort während der Buga die Präsentation der Blumenschauen.

Beinchen heben im Gebüsch, Standort wird nicht verraten. Foto: Kitty Kleist-Heinrich
Beinchen heben im Gebüsch, Standort wird nicht verraten.Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Einen besonderen Gag für Brandenburg-Entdecker schaffte 2011 die damals 23-jährige Berliner Studentin Clara Walter. Man findet Teile ihres Werks, wenn man am Johanniskirchplatz neben dem Gotteshaus in die Knie geht und in den Beeten nachsieht. Da schnüffeln sie mit platter Schnauze, winzigem Geweih und Ringelschwänzchen: zwei der „wilden Waldmöpse“, die sich Vicco von Bülow alias Loriot in seinem gleichnamigen Sketch ausgedacht hat.

Der große Loriot wurde in Brandenburg an der Havel geboren, deshalb wollte ihm die Stadt nach seinem Tod 2011 ein Denkmal setzen. Beim Gestaltungswettbewerb reichte die angehende Innenarchitektin Clara Walter ihren Entwurf eines „Waldmops-Zentrums“ an der St.-Johannis-Kirche ein. Dazu gehören, um die Kirche verteilt, drei von ihr gestaltete, 50 Zentimeter hohe Mops-Skulpturen aus Bronze, eine kleine Tribüne mit Infos zu Loriots Mops-Philosophie und ein Sockel mit von Bülows Fußstapfen. Motto: „Der Künstler ist weg, seine Kunst lebt.“ Die Jury war begeistert – und die Idee überzeugte so sehr, dass inzwischen in der Stadt 14 Bronze-Möpse ausgewildert wurden.

Sogar eine Kapelle ist Herrn Müller-Lüdenscheid gewidmet

So kann man nun auf Loriots Spuren die Stadt durchwandern. Ein Hundchen sitzt etwa vor der St.-Gotthardt-Kirche, in der Vicco von Bülow 1923 getauft wurde. Sogar eine Kapelle ist in der Kirche dem großen Humoristen gewidmet: Herr Müller-Lüdenscheid und sein Hund schauen darin ehrfürchtig zu Jesus hinauf. Und am Dom sind gleichfalls die Möpse los. Von der DDR mit Redeverbot belegt, hielt Loriot dort 1985 seine berühmte „nichtssagende“ Parlamentsansprache.

Wer hat noch in Brandenburg an der Havel spannende Spuren hinterlassen? Zuallererst der dreiköpfige slawische Gott Triglaw. Auf dem Marienberg stand sein Tempel. Davon ist nichts geblieben, wer aber heute vom Plauer Turm zur Anhöhe hinaufsteigt, vorbei an der Bauhaussiedlung „Am Rosenberg“, erlebt ab September die Traubenernte im Weinberg des neu angelegten Buga-Parks und kann vom Aussichtsturm „Friedenswarte“ weit über die Stadt blicken.

Altstadtszene - an der Auffahrt zur Jahrtausendbrücke. Foto: Kitty Kleist-Heinrich
Altstadtszene - an der Auffahrt zur Jahrtausendbrücke.Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Noch näher dran am geheimnisvollen Gott der Heveller, wie sich die Slawen im Havelland nannten, ist man im Archäologischen Landesmuseum im einstigen Dominikaner-Kloster St. Pauli am Stadtkanal. Dort werden jene Tage lebendig, an denen slawische Stämme auf der heutigen Dominsel eine große Burg errichteten. Das Kloster ist ein Meisterwerk märkischer Hochgotik. Im Krieg zerbombt, verkam es bis zur Wende. Seine Renaissance begann 2007, als es wiederaufgebaut und zum Museum umgewidmet wurde. 10 000 Exponate sind in den mittelalterlichen Mauern faszinierend präsentiert, ein Rundgang wird zur Zeitreise durch 50 000 Jahre märkische Kulturgeschichte.

Till Eulenspiegel vergnügte sich mit der Frau eines Seilers

Expertin für biografische Begegnungen und für alles, was nicht im Reiseführer steht, ist Christine Steffen. Markenzeichen: Marktweib Christine. Mit Schürze und Baumwollrock zieht sie in dieser Rolle los und trifft sich mit ihren Gästen am liebsten am bronzenen Stadtrelief auf dem Neustädtischen Markt. Sie zeigt auf ein Häuschen des Modells, die Fouqué-Bibliothek am Altstädtischen Markt, benannt nach dem in Brandenburg geborenen Dichter der Romantik, Baron de la Motte-Fouqué. Dann spaziert die Stadtführerin mit ihrem Gefolge von der Neustadt über die Havel dorthin, munter plaudernd über Till Eulenspiegels Amouren in Brandenburg. In diesem Haus der Frührenaissance soll der Schalk eine Weile gewohnt und sich mit der Frau eines Seilers vergnügt haben. Wer's nicht glaubt, den versucht man hier augenzwinkernd zu überzeugen. In einem Stübchen neben der Buchausleihe sind Tills Bett und die Narrenkappe zu sehen.

Mit Schürze und Baumwollrock am Stadtmodell: "Marktweib" Christine Steffen führt durch Brandenburg (Havel) Foto: Kitty Kleist-Heinrich
Mit Schürze und Baumwollrock am Stadtmodell: "Marktweib" Christine Steffen führt durch Brandenburg (Havel)Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Nur ein paar Schritte weiter, an der Plauer Straße 6, erinnert eine weißgraue Jugendstilvilla an Brandenburgs Spielzeugfabrikanten von Weltruf, Ernst Paul Lehmann. Über dem Eingang ist sein Lieblingsmodell in Stein verewigt: der störrische Esel. Seit 1881 entwickelte und produzierte Lehmann Blechspielzeug, das sich bewegte. Brandenburg galt damals als Spielzeugstadt wie heute Nürnberg. Bis zur Abwicklung des letzten VEB Spielwarenwerkes 1991 wurde diese Tradition in der Havelstadt fortgesetzt. Lehmanns kleine Wunderwerke sind heute im Stadtmuseum an der Ritterstraße ausgestellt – vom hüpfenden Zebra bis zum schwarzen „Alabama-Tänzer“.

"Brennabor" war einer der größten Autofabriken Deutschlands

Lehmanns Vorbild waren die Gebrüder Reichstein. Die beiden hatten schon 1871 in Brandenburg eine Manufaktur für Korbkinderwagen eröffnet und brauchten nur wenige Jahre, bis sie die größte Kinderwagenfabrik Europas besaßen. Schon bald bauten sie unter der Marke „Brennabor“ auch Fahrräder, Motorräder und Automobile. Mitte der 1920er Jahre war Brennabor einer der größten Autohersteller Deutschlands. 1945 endete die Firmengeschichte, das Werk an der Kirchhofstraße 3 am Stadtkanal wurde demontiert. Die einstige Größe kann man heute wieder im alten Turbinenhaus hinter hohen Fenstern und Rundbögen bei einem Glas Rotwein und gutem Essen ermessen. 2010 wurde das kriegsbeschädigte Gebäude saniert, 2014 zog das ambitionierte Restaurant „Turbinenhaus“ ein.

Vom Fluss und Kanälen umschlungen: Brandenburg (Havel) ist am Wasser gebaut. Foto: Kitty Kleist-Heinrich
Vom Fluss und Kanälen umschlungen: Brandenburg (Havel) ist am Wasser gebaut.Foto: Kitty Kleist-Heinrich

In den Jahren der aufblühenden Industrie lebte ab 1875 auch Brandenburgs bekanntestes Original in der Altstadt, der Barbier Fritze Bollmann. Eigentlich eine tragische Figur, schmächtig, dem Spott der Kinder ausgeliefert, die ein Lied auf ihn und sein' Kahn dichteten. Der Gassenhauer wurde auf Postkarten gedruckt und ist weithin bekannt. Immerhin hat die Stadt schon längst Abbitte geleistet: 1924 wurde der Fritze-Bollmann-Brunnen in der heutigen Fußgängerzone an der Hauptstraße eingeweiht. Auf dessen Spitze sitzt er seither und angelt.

Auf Rolands Kopf wächst Donnerkraut

Einer hat all diese Zeitläufe mit starrem Blick und erhobenem Schwert unbeugsam beobachtet: das älteste Original Brandenburgs, Roland, einst als Freiheitssymbol 1447 in der Neustadt aufgestellt, 1946 vors Rathaus der Altstadt umgezogen. In einer Kuhle auf seinem Kopf wächst das Donnerkraut, ein Dickblattgewächs, das symbolisch die Stadt vor Blitzschlag schützen soll. Vor dem Niedergang konnte es Brandenburg aber zu DDR-Zeiten kaum bewahren. „Die Stadt war eine graue Maus“, erinnert sich Christine Steffen. Die Altstadt verkam, es gab sogar Pläne, sie komplett abzureißen. Der ganze Stolz der SED war das Stahlwerk am Stadtrand, in dem 10 000 Menschen arbeiteten. Nachdem es 1993 geschlossen wurde, musste Brandenburg erst mal jahrelang den Verlust der vielen Arbeitsplätze bewältigen. Geblieben ist am Werksstandort das Industriemuseum. Dort kann man heute den letzten erhaltenen Siemens-Martin-Ofen Westeuropas besichtigen.

Der Plauer Torturm erhielt zur 1000-Jahrfeier der Stadt ein Kegeldach mit expressionistischen Zinnen und Storchennest. Foto: Kitty Kleist-Heinrich
Der Plauer Torturm erhielt zur 1000-Jahrfeier der Stadt ein Kegeldach mit expressionistischen Zinnen und Storchennest.Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Spätestens seit 2000 schaut die Stadt wieder zuversichtlich nach vorne. In diesem Jahr gab's gleich zwei Eröffnungen: Im Marienbad mit „Funbad“ und Saunalandschaft tummelten sich die ersten Gäste. Und im „Cultur Congress Centrum“ hoben sich die Vorhänge. Seither gibt's dort auf mehreren Bühnen ein Theater- und Musikprogramm. Kleinkunst von Comedy bis Chanson sowie Arthouse-Kino stehen dagegen im „Fontane-Club“ an der Jahrtausendbrücke auf dem Programm. Tipp: danach in der Fontane-Bar direkt am Fluss chillen oder aber weiterziehen zur „Theater-Klause“ oder ins „Herzschlag“, einen früheren Tanzsaal an der Großen Münzstraße.

Es lohnt sich, unterwegs auf die Gehwege zu achten. Die sind in Brandenburg oft mit bunten Mosaiken geschmückt. Kinder, Jugendliche und Künstler der Wredowschen Musikschule haben die Bilder entworfen und kreuz und quer in der Stadt verlegt. Da gibt es Lurche, Vögel, Ellipsen, Schneckenhäuser. Führungen werden zu den Mosaiken angeboten, ebenso zu Loriots Möpsen. Übrigens: Der erklärte Lieblingsmops der Brandenburger steht an der St.-Johannis-Kirche. Er hebt gerade sein Bein zum Pinkeln. Und in seinem Ringelschwanz sammelt sich das Wasser. Der Mops, eine ideale Vogeltränke. Wenn Loriot das wüsste!

Die "Friedenswarte" auf dem Marienberg. Foto: Kitty Kleist-Heinrich
Die "Friedenswarte" auf dem Marienberg.Foto: Kitty Kleist-Heinrich

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