Berlin : Ausgefallen

Die ganze Stadt lahmgelegt vom Streik? Von wegen. Wie die Berliner dem Ausstand der Bahner das beste abgewannen

Grundvertrauen: „Er kommt, er kommt!“ Der Tourist mit dem Liniennetzplan in der Hand winkt auf dem S-Bahnhof Savignyplatz dem einfahrenden Zug entgegen. „Wir kommen doch zur Friedrichstraße“, ruft der Mann seiner Frau erleichtert zu. Gefragt, warum er beim angekündigten Streik trotzdem auf die S-Bahn gewartet hat, sagt der Bayer: „Ich habe nie daran gezweifelt, dass die Berliner das schaffen.“

Lob dem Streik: Ein anderes Paar will sich auf dem Bahnsteig am Savignyplatz gerade Fahrkarten am Automat kaufen. Vom Streik erfahren sie nur durch den Hinweis eines Fahrgastes. Entsetzen: „Wie kommen wir jetzt zum Schloss Charlottenburg?“ Ganz einfach und viel besser als mit der S-Bahn. Vom wenige Schritte entfernten Kurfürstendamm fährt der Bus 109 zum Flughafen Tegel direkt am Schloss vorbei. Das Paar freut sich über den Hinweis. Der Streik hat den Weg zum Schloss viel einfacher gemacht.

Pragmatismus: Im Hauptbahnhof steht der ICE nach Frankfurt (Main) zur Abfahrt bereit. Der Paradezug der Bahn halte dieses Mal auch in Luckenwalde und Jüterbog, ist aus dem Lautsprecher zu hören. Auf die Frage, ob im weißen Flitzer auch die Fahrscheine des Verkehrsverbundes Berlin-Brandenburg (VBB) gelten, antwortet die Zugbegleiterin: „Heute gilt alles“.

Ausrede: Falkensee, Kaffeebar„Gleis 1“, 8 Uhr 10. Christina Martin steht seit 6 Uhr hinter dem Tresen. Im Radio sagt einer: „Die Leute sind stinksauer“. Sie nickt heftig. „Da zahlst du 54 Euro für eine Monatskarte, damit die dauernd streiken.“ Christina Martin ist heute mit dem Auto zur Arbeit gekommen. Ihre 24 Jahre alte Tochter musste ebenfalls mit. Deren Dienst in einer Falkenseer Kindertagesstätte begann zwar erst um 8 Uhr, „doch wir wussten ja nicht, was fährt.“ Und so saß die Tochter zwei Stunden in der Kaffeebar der Mutter, nebenher lief leise das Radio. Dann redeten sie. Und redeten, bis der Morgen durch die Scheiben dämmerte. „Na ja, vielleicht war es das wert“, sagt Christina Martin.

Notverkehr: Bahnhof Falkensee, Gleis 2, 8 Uhr 20. Es geht nichts, kein Zug zu sehen, keine Infos auf dem Bahnsteig. Vielleicht zehn Leute starren in den Morgennebel, alle in die Richtung, aus der ein Zug kommen könnte. Dann eine Durchsage: Streikbedingt fährt der Zug nach Berlin heute nur bis Nauen. Das ist noch vor Falkensee. Allerdings gebe es einen „Schienen-Notverkehr“. Als sich die Gruppe der Wartenden in Bewegung setzt, fahren die Busse gerade ab. Eine der Wartenden ist eine junge Frau, blond, „Biologiestudentin an der Humboldt-Universität“. Sie muss ins Labor. „Meine Tierchen umtopfen“, sagt sie. Dann erzählt sie von ihrem Experiment, für das sie jeden Tag Wasserflöhe von einem Glas in ein anderes umschöpfen muss. „Das dauert vielleicht eine Stunde.“ Wissenschaft absurd. Die Fahrtzeit wird heute wohl um ein vielfaches länger.

Heimatgefühle: Taxistand vorm Hauptbahnhof. Gutes Geschäft? Die Fahrer winken ab. „Halbe Stunde Wartezeit, alles normal.“ Es heißt, die Kunden müssten sich auf Wartezeiten einstellen. Gemessen an sonstigen Tagen hätten zum Teil doppelt so viele Berliner ein Taxi bestellt. Hier nicht. Viele trösten sich damit, dass sie den großen Ansturm gar nicht erst erwartet haben. Einer der Fahrer, ein Franzose, seit zwanzig Jahren in Berlin, sagt: „Reden wir nicht übers Geschäft.“ Macht heute schlechte Laune. Gute Laune machen ihm die streikenden Lokführer. „Die sind völlig im Recht, es wurde höchste Zeit für diesen Streik.“ In Frankreich, sagt er, wären sie schon längst auf die Barrikaden gegangen. Er nickt zufrieden. Ein Anfang, dieser Tag, immerhin.

Ausfallend: S-Bahnhof Alexanderplatz, kurz nach sieben. Am Bahnsteig zwischen den Gleisen, an denen die Regionalzüge halten, werden in kurzen Abständen Sätze durchgesagt, die alle mit „Der Zug“ beginnen“ und denselben zwei Worten enden: „fällt aus“. Niemand schüttelt den Kopf, niemand schimpft auf die Bahn. Auf dem Bahnsteig steht nur eine Frau mit ihrem Fahrrad.

Geisterbahn: Eine der Überraschungen des Tages. Hauptverkehrszeit, freie Platzwahl in den S-Bahnen vom Alexanderplatz in Richtung Spandau. Der Betreiber hat angekündigt, alle 20 Minuten würde eine Bahn fahren. Hackescher Markt: leerer Bahnsteig. Friedrichstraße: leerer Bahnsteig. Um einigermaßen normalen Berufsverkehr auf diesen Linien zu simulieren, dürfte höchstens alle 90 Minuten eine Bahn fahren.

Vollversorgung: Hauptbahnhof zwischen sieben und acht am Morgen, eine Kathedrale der Stille. Die Bahn könnte ihre Kunden heute persönlich kennenlernen, wenn sie wollte. Auf jeden Bahnmitarbeiter, der Kaffee ausschenkt, informiert oder einfach nur in der Gegend herumsteht, kommt höchstens ein Fahrgast. So viel Zuwendung gibt es für Fahrgäste sonst nie. kt, mne, skra

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