Berlin : Ausgependelt

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Von Christian van Lessen

„Irrsinn“, schimpfen die Leute, weil es an Irrsinn grenzt. Da fahren sie mit der S-Bahn, die ab Sonnabend wieder eine Ringbahn sein soll, von Westkreuz gen Nordost, Richtung Gesundbrunnen. Am Zug steht als Endstation Westhafen, aber das regt die Leute nicht weiter auf, weil die Richtung ja stimmt. Die Durchsage im Zug erklärt knarrend, dass Fahrgäste Richtung Westhafen bis Beusselstraße fahren und dann umsteigen müssen. Auf dem Bahnhof Beusselstraße, drei kurze Stationen vor Gesundbrunnen, steht auf dem Nachbarsteig ein Zug, der auch wirklich nach Gesundbrunnen fährt. Diesen Zug abersollte man aber nicht nehmen, rät das Bahnpersonal, weil der zwar nach Gesundbrunnen fährt, aber in die entgegengesetzte Richtung fährt, also Richtung Südring, über Tempelhof, Neukölln und Ostkreuz. Alles klar?

Wer also von Westkreuz auf kürzestem Weg nach Gesundbrunnen will, steigt an der Beusselstraße für eine Station in eine Pendel-S-Bahn mit der Aufschrift Westhafen, steigt dort in die U-Bahn, fährt bis zur Osloer Straße, steigt dann in eine andere U-Bahn um und fährt bis Gesundbrunnen. Uff.

Also, es kann nur besser werden, ab Sonnabend, wenn die letzte Lücke im S-Bahnring geschlossen wird. Wenn die S-Bahn wieder so fährt, wie sie vor dem Mauerbau 1961 gefahren ist. Holzklasse, mit Zügen, die teilweise immer noch unterwegs sind. Noch wird zwischen Westhafen und Gesundbrunnen an Schienen gearbeitet, aber ab 15. Juni ist der Ring komplett: Fahrgäste können die innere Stadt künftig wirklich auf einer einzigen Fahrt umrunden.

Kurz vor Toresschluss fuhren wird den Ring, der noch kein Ring ist, noch einmal ab. Sozusagen eine Fahrt zum Abgewöhnen.

Der Einstieg in den Ring ist genau um 12.15 Uhr am Bahnhof Innsbrucker Platz, wo das Personal auf dem Bahnsteig Unkundigen freundlich die Strecken zu erklären versucht und ihnen ein S-Bahn-Fahrpläne in die Hand drückt. Der rote S-Bahnzug ist mit Kindergruppen und Studenten bestückt. Am Westkreuz steigt noch eine Handvoll Leute ein, aber ab Witzleben, neuerdings Messe-Nord/ICC, leert sich das Abteil. Ab Westend ist erstmals bei der Fahrt der große Bogen zu spüren, den die S-Bahn nehmen muss. Am Bahnhof Jungfernheide, der ersten wirklich modern wirkenden Station, macht der Zug aus unbekannten Gründen drei Minuten Pause, um dann die Beusselstraße anzusteuern. Hier verzweifeln einige Fahrgäste, weil sie mit den Richtungen durcheinander kommen. Immer wieder finden sich Bahnleute, die den Betrieb erklären.

Nach der kurzen S- und den zwei kurzen U-Bahnfahrten sind wir dann am Gesundbrunnen angekommen, wollen Richtung Schönhauser Allee, also den unterbrochenen S-Bahn-Ring von „oben“ fortsetzen. Es ist 13 Uhr. Die Lage auf dem Bahnhof ist unübersichtlich. Es wird noch gebaut. Hinweisschilder fehlen. „Sie wollen zur Schönhauser Allee? Dann müssen sie den Zug zum Westhafen nehmen“, rät eine Fahrgastbetreuerin.

Der Westhafen ist wieder in der anderen Richtung zu erreichen. Also gehts nach Osten in Richtung Westhafen. An der Schönhauser Allee wird die Bahn richtig voll. Der Zug fährt einen großen Bogen in Richtung Süden, dies zeigt sich vorm Fenster unbarmherzig von hinten: Das alte Schlachthofgelände ist gruselig, und dass ein beanachbartes neues Bürohaus auf einem großen Plakat als „1 A-Lage“ gepriesen wird, mutet merkwürdig an. Und schon fährt der Zug wieder einen großen Bogen, es geht zur Frankfurter Allee und dann dem Ostkreuz zu. Vorbei an den Treptowers, Richtung Sonnenallee. Die Stationen heißen jetzt Berlin-Neukölln und Berlin-Tempelhof. Und es ist wieder merkwürdig leer auf dem südlichen Ring. Am Innsbrucker Platz ist Endstation, es ist 13.55 Uhr. Wir haben Berlin umrundet, in einhundert Minuten. Ab Sonnabend ist der Ring frei – für Umrundungen in 63 Minuten.

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