Berlin : Ausgestopfter Elefant: Wenn aus dem Schäferhund ein Bettvorleger wird

Alex Krämer

Der Hechtkopf ist fast fertig. Ingo Kopmann entfernt noch ein paar Hautreste und beginnt dann, die leeren Augenhöhlen mit Ton zu füllen. "Das Einsetzen der Augen ist das wichtigste", erzählt er. "Wenn die falsch sitzen, merkt es auch ein Kunde, der von Anatomie keine Ahnung hat." In den weichen Ton presst der Tierpräparator die Glasaugen, richtet sie noch einmal aus, dann pinselt er den Ton mit Holzleim ein. "Damit es hinterher keine Risse gibt." 26 Pfund hat der Hecht gewogen, erzählt Kopmann, und der Angler beschloss, diese Trophäe haltbar machen zu lassen - für 450 Mark. Das geht nicht nur bei kleinen Tieren so.Die Präparierung des toten Elefanten Kiri aus dem Zoo wird so ähnlich funktionieren. Das Verfahren heißt Dermoplastik.

Der Kopf des Hechts bei Ingo Kopmann, etwa so groß wie der eines Schäferhundes, besteht inzwischen nur noch aus Haut und Knochen, Organe und Muskeln hat der Präparator entfernt. "Ich benutze dafür dasselbe Besteck wie Gynäkologen und Chirurgen", sagt er. Schaber, Zangen, scharfe Löffel. Anschließend hat er den Kopf für einige Tage in ein Bad mit Konservierungsmitteln gelegt und dann mit Kunststoffschaum gefüllt.

Eng und voll ist es in Kopmanns Werkstatt in Charlottenburg. Auf dem Schreibtisch Papierstapel, unter dem Tisch Kanister mit Chemikalien. Und überall Tiere: Auf der Werkbank liegt eine Krähe, aus dem Papier auf dem Schreibtisch ragt ein schmales Glas mit riesigen Hirschkäfern in allen Stadien: Larve, Puppe, Käfer, in Alkohol eingelegt. In den großen Kunststoffbehältern unter dem Fenster bewahrt Kopmann abgezogene Tierhäute auf. Sie lagern in Spiritus.

Kopmann, groß, freundlich, gut gelaunt, hat sich vor zwanzig Jahren mit der Präratorenwerkstatt selbstständig gemacht. Vorher war er Polizist. Schon als Kind hatte der 42-Jährige mit dem Präparieren von Tieren angefangen. "Mir macht das Modellieren Spass, das dreidimensionale Arbeiten", sagt er. "Fast ein bisschen wie Bildhauerei."

Sein Geschäft macht er heute zur Hälfte mit Produktionen für Film und Fernsehen, der Rest teilt sich auf zwischen Jägern, Anglern und Menschen, die ihre toten Haustiere konservieren lassen. Manchmal entwickeln die Tierliebhaber auch ziemlich skurrile Wünsche: Aus dem Schäferhund wird ein Bettvorleger, die Riesenschlange, die zehn Jahre lang im Ehebett geschlafen hat, soll zu Reizwäsche verarbeitet werden.

Der tote Hecht sieht mit seinen Glasaugen schon wieder ein bisschen lebendig aus - aber die Farbe stimmt noch nicht. Braun-gelblich ist er statt grün und weiß. Kopmann wirft den Kompressor für seine Air-Brush-Pistole an und entfernt die Klammern, die dafür gesorgt haben, dass die Flossen ihre abgespreizte Position gehalten haben. Mit der Druckluft aus dem Kompressor trägt er die Farbe auf. Schon nach zehn Minuten sieht der Fisch wieder aus wie frisch gefangen: Grün mit streifenförmigen goldenen Flecken, dunkel ums Maul, die Flossen fleischfarben. Nur der Bauch ist noch nicht weiß. Wenn hier die Farbe aufgetragen wird, will der Angler gerne dabei sein und den Farbton mitbestimmen.

Soweit ist es bei dem Elefanten Kiri noch nicht. Aber die Präparatoren aus dem Naturkundemuseum haben bereits seine Haut abgezogen und einige Knochen entnommen. Nächste Woche soll dann mit Hautproben bestimmt werden, welche Chemikalien sich am besten zur Konservierung eignen. "Das ist schließlich ein Symboltier für die Berliner, wir wollen hier auf keinen Fall einen Fehler machen", erklärt Chefpräparator Jörg-Sepp Lüdecke. Anschließend werden Haut und Knochen von Kiri erst einmal eingefroren. Im Mai beginnt dann die so genannte Modellierung. Das bedeutet, dass der Körper aus Epoxidharz, einem Kunststoff, nachgebaut wird. Die entnommenen Knochen werden dazu benutzt, die exakten Maße für das Kunststoffmodell zu ermitteln. Wenn das Modell fertig ist, beziehen die Präparatoren es mit der vorbehandelten Elefantenhaut. Das fertig bezogene Modell wird dann komplett in ein Imprägnierungsbad getaucht. Wie es dann, voraussichtlich Ende des Jahres, aussehen soll, weiß Lüdecke schon: "In einer angedeuteten Bewegung soll er dastehen, mit leicht erhobenem Rüssel."

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