Berlin : Ausgrabungen in Mitte: Der Ur-Berliner liebte Lehm und Fachwerk

Michael Brunner

Ein verrosteter Stahlhelm aus dem Zweiten Weltkrieg, ein Glasschild der "Staatlichen Lotterie", Silbermünzen aus dem 16. Jahrhundert, Tintenfässer, Flaschenböden und ein Pferdezahn: Dies und noch viel mehr hat die Archäologin Claudia Maria Melisch mit ihrem international besetzten Team bei Grabungen in der Erde unter dem "Ahornblatt" entdeckt. Münzen und Tierzähne sind natürlich Routine für die 32-jährige Grabungsleiterin. Doch tief im Boden an der Gertraudenstraße wartete jahrhundertelang etwas, wofür sich Claudia Maria Melisch richtig begeistern kann: Die Reste eines Hauses aus dem 13. Jahrhundert.

Dass seit dem 31. Mai auf der Fischerinsel gegraben wird, hat mit dem 150-Millionen-Mark-Neubau zu tun, den die Objekt Marketing Gesellschaft plant. Neben einem Hotel mit 240 Betten sollen an der Getraudenstraße 100 Wohnungen, Supermarkt und 11 000 Quadratmeter Büros gebaut werden. Nach langem Hin und Her mit Bürgerprotesten begann im Juli der Abriss des "Ahornblattes". Inzwischen ist die ehemalige Kantine des Bauministeriums der DDR bereits abgerissen. Bevor die Baugrube für den Neubau bis tief auf Grundwasserniveau ausgebaggert wird, haben die Archäologen ihre Zeit. Genau bis Mitte Oktober.

Jonathan Skellorn kniet in der Grube und schabt mit einem kleinen Spachtel Sand vom Boden weg. Der 54-jährige Grafiker zeichnet maßstabgetreu die Einzelheiten der Grabung auf Millimeterpapier. Dazu verwendet er ein ganzes Köfferchen voller Buntstifte. Skellorns Zeichnungen sind für die Dokumentation bestimmt, die Grabungsleiterin Melisch im Herbst an das Landesdenkmalamt überreichen wird. Und natürlich arbeitet Melischs Team nicht gratis. Die Kosten für die Grabung schlagen für den Investor OMG vorraussichtlich mit 350 000 Mark zu Buche, die Dokumentation wird etwa dasselbe kosten. Die Funde wandern ins Museum für Ur- und Frühgeschichte nach Charlottenburg.

Archäologen sind ziemlich ruhige Menschen, doch gelegentlich werden sie leidenschaftlich. Dies geschah für das Team vom "Ahornblatt", nachdem unter einem rund 100 Jahre alten Kellerfußboden die Reste des Fachwerkhauses aus dem 13. Jahrhundert auftauchten. Erste Vermutung: Vorratshaus oder Handwerkerhaus.

Laien müssen schon genau hinsehen, um in den braunen Verfärbungen im Sand den Balkenfußboden des alten Hauses zu erkennen. Doch schließlich werden sogar Holzfasern sichtbar. Drei mal vier Meter groß war das Haus, und Claudia Maria Melsich vermutet, dass es Wände aus lehmverputztem Flechtwerk hatte und mit Stroh gedeckt war. Auch für den Landesarchäologen Wilfried Menghin ist das Häuschen ein Ereignis. "Seit dem 12. Jahrhundert befand sich auf der Fischerinsel die Stadt Cölln. Wir stehen an einem ihrer prominenten Orte", sagt Menghin. Ähnliche Häuser kamen bei Grabungen in der näheren Umgebung ans Tageslicht, etwa 1997 unter einem Parkplatz beim heutigen Haus der Wirtschaft an der gegenüberliegenden Breiten Straße. Aber auch die Neuzeit hat Spuren hinterlassen. "Hier muss eine Knopffabrik gewesen sein, wir fanden lauter Plastikknöpfe", sagt Claudia Maria Melisch.

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