Berlin : Ausländer-Integration: In gemischten Klassen bauen Jugendliche Vorurteile ab

Annette Kögel

Schulsenator Klaus Böger will prüfen, ob künftig mehr Lehrer ausländischer Herkunft an Berliner Schulen mit hohem Ausländeranteil unterrichten sollen. Dies wurde am Rande der Präsentation einer Studie der Freien Universität zum Zusammenleben von ausländischen und deutschen Schülern am Mittwoch bekannt. Damit griff Böger eine Anregung aus der Expertenrunde auf, derzufolge der Bildungsweg und damit auch die Integration unter anderem dann am erfolgreichsten verliefen, wenn ausländische Jugendliche Landsleuten als Vorbild nacheifern können. Die Studie des FU-Wissenschaftlers Hans Merkens kommt zu dem Ergebnis, dass Fremdenfeindlichkeit unter Schülern vor allem dann abnimmt, "wenn persönliche Kontakte zueinander vorhanden sind.

An manchen Schulen "sind wir viel weiter auf dem Weg zu einer multikulturellen Gesellschaft, als es einigen recht ist", interpretierte der Soziologe die Studienergebnisse. Gemeinsam mit Said Ibaidi hatte der Wissenschaftler vom FU-Institut für Allgemeine Pädagogik den 23 Seiten starken Bogen mit 40 Fragenkomplexen erarbeitet, der im November und Dezember 1997 insgesamt 1105 Schülern an Hauptschulen und Gymnasien in Kreuzberg, Neukölln, Schöneberg und Wedding vorgelegt wurde. Das Durchschnittsalter war 15 Jahre. Weil verhältnismäßig mehr ausländische Gymnasiasten befragt wurden als die Schulstatistik für Berlin ausweist, könne das Ergebnis nur repräsentativ für privilegierte Schüler gewertet werden, sagte Böger.

Befragt wurden Jugendliche an Schulen mit durchmischten Klassen. Das Ergebnis: "In der Schule gelingt die soziale Integration zwischen deutschen und türkischen Jugendlichen gut." Weder familiäre und religiöse, noch soziale Einstellungen trieben Keile zwischen beide Seiten. Die Schüler verbringen auch die Freizeit öfter gemeinsam als Jugendliche an Schulen mit weniger durchmischten Klassen. Bei der Familie sei die "eigenethnische Orientierung" zwar vergleichsweise stärker, zugleich zeigten sich die Befragten der anderen Nationalität gegenüber aber "nicht ablehnend, sondern tolerant". Deutsche Jugendliche bringen etwa viel Verständnis dafür auf, dass sich die Mitschüler auf Türkisch unterhalten. 17 Prozent der jungen Ausländer sagten, sie sprechen mit ihren Eltern nur Türkisch, 45 Prozent Deutsch und Türkisch, die übrigen antworteten, sie sprechen mit den Eltern Türkisch und mit den Geschwistern Deutsch.

Klaus Böger sagte anlässlich der Präsentation der Studie, die die Volkswagenstiftung förderte, dass Deutschprogramme an Volkshochschulen für türkische Mütter und für Kitakinder nicht gekürzt würden. In Berlin sind 20 Prozent der 383 000 Schüler nichtdeutscher Herkunft, 30 Prozent von ihnen verlassen die Schule, meist wegen Schulschwierigkeiten infolge sprachlicher Benachteiligungen ohne einen Abschluss.

Nun will Böger Beispiele aus den USA, nach denen Navajo-Indianerkinder bessere Leistungen erbrachten, nachdem sie von Navajo-Lehrern unterrichtet wurden, auf deutsche Verhältnisse übertragen. Statistiken über die bisherige Anzahl von Lehrern ausländischer Herkunft mit deutschem Staatsexamen gibt es Schulverwaltungssprecherin Rita Hermanns zufolge nicht.

Unterdessen sagte Kenan Kolat, Geschäftsführer des Türkischen Bundes Berlin-Brandenburg, dass junge türkische Berliner ihr Herkunftsland oft nur noch aus dem Urlaub kennen und daher meist idealisierten. Innerhalb der "türkischen Community" würden öffentliche Signale von führenden Politikern wie etwa die auf Türkisch formulierte Presseerklärung von Senator Peter Strieder zum Uefa-Cup-Sieg "unheimlich gut ankommen." Vor diesem Hintergrund regte Kolat am Rande der gestrigen Pressekonferenz einen Empfang des türkischen Boxweltmeisters aus Berlin, Altymurat Orasdurdijew, bei Klaus Böger an - er ist neben dem Schulsenator ja auch auch der Sportsenator.

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