Berlin : Ausländische Vorschulkinder: Nachwuchs nichtdeutscher Herkunft ohne Deutschkenntnisse

Jeannette Goddar

Schon zum Auftakt lieferte der Schulpsychologe Ali Ucar eine düstere Bestandsaufnahme: 63 Prozent der Kinder nichtdeutscher Herkunft, die in Kreuzberg in die Vorschule kommen, sprechen kein oder nur wenig Deutsch; unter türkischstämmigen Kindern sind es achtzig Prozent. Um das herauszubekommen, hat Ucar, Mitarbeiter des Schulpsychologischen Dienstes, 20 Lehrer nach den Sprachkenntnissen jedes einzelnen Kindes gefragt. Anhand von den Antworten auf Fragen wie "Kann das Kind begründen, warum es zu spät kommt?" oder "Versteht das Kind Spielregeln?" kamen die Ergebnisse zustande.

Es war eigentlich ein optimistischer Titel, unter dem das Zweite Kreuzberger Bildungsforum vorgestern Abend an die Arbeit ging: Unter dem Motto "100 Sprachen spricht das Kind - aber wie lernt es sprechen?" waren etwa 30 Lehrer in der Lenau-Grundschule zusammengekommen, um sich unter anderem der Frage zu widmen, wie man es denn schaffen könne, Kindern möglichst gute Kenntnisse in einer oder am besten gleich mehreren Sprachen zuteil werden zu lassen.

Dann kam Ucars Bestandsaufnahme. Der Schulpsychologe hat aber auch versucht herauszufinden, woran es liegt, dass Kinder in der dritten Generation ohne Deutschkenntnisse eingeschult werden - und stieß dabei auf ein ganzes Bündel von Faktoren: sowohl die "gettoähnliche" Wohnsituation in Teilen Kreuzbergs als auch die immer größere Verfügbarkeit türkischer Medien sowie die Tatsache, dass mehr als jeder zweite türkische Kreuzberger seinen Ehepartner aus der Türkei nach Deutschland hole, seien wesentliche Ursachen, so Ucar. Deutlich verbesserten sich die Deutschkenntnisse bei Kindern, die einen Kindergarten besuchten - und zwar möglichst einen, der nicht ausschließlich von türkischen Kindern besucht wird. Ucars Untersuchung macht aber auch darauf aufmerksam, dass viele türkische Eltern sich mit dem Problem der mangelnden Deutschkenntnisse allein gelassen fühlen: Gefragt, woran es liege, dass weder sie noch ihre Kinder Deutsch sprächen, antworteten viele, sie wüssten nicht, wo sie es lernen sollten. Der Staat lasse sie allein, mit Deutschen in Kontakt zu treten, sei schwierig. Und: 70 Prozent erklärten, es sei die Aufgabe der Schule, ihren Kindern Deutsch beizubringen - sie selber sprächen es schließlich auch nur schlecht. Ucar widersprach auch der oft gehörten These, es würde schon helfen, wenn zu Hause Deutsch gesprochen würde: "Das so genannte Gastarbeiter-Deutsch umzuerziehen, kann schwieriger sein, als eine neue Sprache beizubringen."

Eine Mitarbeiterin des arabischen Frauentreffs AlNadi bestätigte Ucar in seiner These, von den Eltern könne zugunsten der deutschen Sprachentwicklung nicht allzu viel verlangt werden: "Viele Eltern wissen so gut wie nichts über das deutsche Schulsystem".

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