Berlin : Auspacken und vernaschen

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Von Frank Thadeusz

Wann Sabine Müller-Köllges ihren ersten Schokoriegel gegessen hat, ist nicht überliefert. Bekannt ist hingegen, dass sie bereits als 13-Jährige unter Anleitung der Mutter angefangen hat, selbst Klamotten zu nähen. Doch erst kürzlich haben der ausgeprägte Hang zur Süßigkeit und die Fähigkeit zum kunstvoll geführten Nadelstich eine künstlerisch ertragreiche Verbindung geschlossen. Die 28-jährige Textil-Designerin hat eine T-Shirt-Kollektion entworfen, die zumindest Freunde von Süßkram begeistern dürfte.

Da ist das Modell Kit Kat: Die rot-weiße Verpackung der Schokowaffel hat es Sabine Müller-Köllges besonders angetan - und auf die Verpackung kommt es ihr an. Denn die Träger ihrer „Riegelwear“ - bislang vor allem Frauen - sollen sich keineswegs in flanierende Werbetafeln verwandeln. Die Idee für das ausgefallene Shirt-Design entspringt eher ihrer Begeisterung für die Gestaltung von Alltagsgegenständen und die Künstler der Popart: „Es ist faszinierend, wie schnell man Formen und Farben wiedererkennt, auch wenn sie in einem ganz anderen Zusammenhang auftauchen". Dieser Erkenntnis verhalf sie von der Theorie zur Tat, als sie im Studiengang Textildesign an der Kunsthochschule Weißensee eine Projektarbeit abliefern musste. Erstmals verwandelte Müller-Köllges Farben, Formen und Linien von Kit Kat, Mars und Twix in ansprechendes Design auf leichten Baumwolljerseys. Zufrieden mit dem Ergebnis, hätte sie die Sache dann eigentlich auf sich beruhen lassen. Ein Aufschrei der Verzückung im Bekanntenkreis ließ sie umdenken.

Fortan hockte sie sich also immer wieder für zehn bis zwölf Stunden an die Nähmaschine, um Schoko-Hemdchen zu vollenden. Eine Ausbildung zur Schneiderin in der Kostümabteilung der Staatsoper verhindert, dass sie bei den komplizierten Schnitten patzt. So schneidert Müller-Köllges ihre taillierten Leibchen mit kalkulierter Wirkung: „Beim Angucken sind Assoziationen wie Vernaschen, süß, Auspacken beabsichtigt."

Neulich hat Sabine Müller-Köllges während einer Ausstellung beobachtet, wie ein Fremder die Unterlagen ihres Projekts unter den Kopierer legte. Sogleich argwöhnte sie Produktpiraterie: „Ich würde mich nicht wundern, wenn meine Idee demnächst irgendwo anders auftaucht“, Andererseits: Als Einzelkämpferin mag sie sich derzeit nicht für ihre Kreationen in die Schlacht werfen. Dieses Zaudern muss wohl mit ihrer Ehrlichlichkeit zu tun haben. Obwohl sie mit ihren T-Shirts einer ganzen Reihe von süßen Klassikern ein Denkmal gesetzt hat, gesteht sie: „Schokolade von Aldi schmeckt besser.“

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