Berlin : Ausprobiert: ein bodenloses Vergnügen

Susanne Leimstoll

Mir ist kalt. Die Heizung in der kleinen Halle des Baerwaldbades ist defekt. Sonst dampft es dort angeblich. In der Frauendusche nebenan wird es überhaupt nicht warm. Mich trifft ein eisiger Strahl aus dem Duschkopf. Will nicht ins Wasser. Aber gleich ist Aquagymnastik, Power-Aqua. Eine Dreiviertelstunde Herz-Kreislauf-Training. Ich bin ja eine Wasserratte, nicht wieder rauszukriegen. Eigentlich. Schönes Bad hier. Jugendstil. Schmiedeeiserne Balustraden, Stuck. Hohe Kuppel – schwer zu heizen.

Im Wasser steht noch die 19-Uhr-Gruppe, elf Frauen. Aquafitness-Trainer Sejm Velic verausgabt sich am Beckenrand. Er turnt vor, die Damen im Wasser machen alles nach – in Zeitlupe. Sieht nicht anstrengend aus, das.

Ich steige ins Becken. Dieses Wasser soll 34 Grad haben? Mir ist kalt.

Die Herz-Kreislauf-Gruppe kommt. 25 Leute, davon sechs Männer. Der Rest junge Mädchen und Frauen mittleren Alters. Von wegen Seniorensport. Wir schnallen die Schaumstoffgürtel um, ziehen die Frosch-Handschuhe mit den Schwimmhäuten über. Alle 25 Körper dümpeln im tiefen Wasser wie Bojen. Mir ist kalt.

Sejm stellt die orientalische Musik an. Mit ausgestreckten Armen vor – und zurück. Immer wieder. Das geht nicht so leicht wegen des Wasserwiderstandes. Dann Wasser schieben: nach vorne, zur Seite, nach unten. Die Armmuskeln ziehen. Die Beine strampeln im tiefen Wasser mit. Die Musik wird hektisch. Der Trainer zieht das Tempo an. Jetzt in kleinen Schritten unter Wasser joggen – ohne Bodenberührung. Schneller. Noch schneller. Sejm deutet auf seinen Bauchnabel. „Den will ich sehen“, heißt das. Wir sollen mit Turboantrieb hochschnellen. Die Gesichtsfarbe des Herrn vor mir wechselt in ein kräftiges Rosa. Ich glaube, ich kann nicht mehr. „Noch 10 Sekunden“, brüllt der Trainer. Warmes Wasser hier. Mindestens 34 Grad.

Jetzt Bauchmuskeltraining. Bein waagerecht, mit den Händen an die Zehenspitzen. Rechts, links. Minutenlang. Dann Sit-ups unter Wasser. Weiter, weiter. „Und l-ä-c-h-e-l-n!“ Immer noch eine Viertelstunde. Noch ’ne Übung, noch eine. Zur Entspannung zwischendrin joggen. Der Trainer rennt um den Beckenrand. Er sieht alles. Schultern gerade, Hintern einziehen, Arme gestreckt. Die Pumpe pumpt. Die dümpelnden Turner drehen immer mehr auf. Keiner macht schlapp. Wem, bitte, war hier kalt?

Raus aus dem Wasser. Müde? Keine Spur. Sind wir klasse oder was? Und: Fühlen sich so Bewegungsmuffel? Lächerlich.

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