Berlin : Ausschlagende Verbindung

Nach dem warmen Winter präsentieren sich Berlins Bäume in Topform – die Schädlinge aber auch

Philipp Lichterbeck

Das tat ihnen richtig gut, die milde Luft, der viele Regen. Und jetzt, nach dem warmen Winter, präsentieren sich Berlins Bäume gewissermaßen in Topform. „Sie konnten richtig auftanken“, sagt Barbara Jäckel vom Berliner Pflanzenschutzamt. „Der Regen hat Streusalze und Schwermetalle aus dem Boden gewaschen.“ Kein Wunder, dass es mancherorts bereits aussieht, als wüsste die Natur nicht wohin mit ihrer Kraft: In den Parks und Straßen blüht es in Weiß, Rosa und Gelb, die ersten Blätter schießen in knalligem Grün heraus. Mit seinen rund 417 000 Straßenbäumen zählt Berlin ohnehin zu den grünsten Metropolen Europas. Fast 80 Bäume stehen hier im Durchschnitt auf jedem Kilometer Straße.

Doch der milde Winter hat nicht nur Gutes bewirkt. „Genauso wie die Bäume den Winter gut überstanden haben, konnten sich auch ihre Schädlinge gut halten“, sagt Jäckel. Die ersten Blattläuse hat sie schon krabbeln gesehen und auch einige Borkenkäfer gesichtet. Miniermotten sind hingegen noch nicht in eine der Kontrollfallen geflogen, die das Pflanzenschutzamt über das Stadtgebiet verteilt hat – noch nicht. „Sie schlüpft kommende Woche“, erwartet Jäckel. Dann werde man sehen, was die Aktionen gegen den Schädling, der den Berliner Rosskastanien seit Jahren zusetzt, gebracht haben. Da die Bezirksämter das gesamte Laub nicht einsammeln konnten, in dem die Mottenpuppen überwintern, waren die Berliner zur Mithilfe aufgerufen. Allerdings, beruhigt Jäckel, seien die Schäden bisher „nicht dramatisch“ gewesen.

Der Sommer, der die Menschen in die Biergärten und Schwimmbäder treibt, bedeutet für die Bäume vor allem eines: Stress. Vor allem, wenn es wenig regnet, machen die Monate Juli, August und September den Stadtbäumen besonders zu schaffen. So liegt die Lebenserwartung von Linden, die mit 36 Prozent den größten Anteil am Berliner Baumbestand haben, zwischen 60 und 80 Jahren. Ihre Artgenossen im Wald werden hingegen bis zu 200 Jahre alt. Was einerseits an den üblichen Übeln der Großstadt liegt, also den Hinterlassenschaften der Hunde, den eingeschränkten Wachstumsflächen für die Wurzeln, Vandalismus, Grabungen und Sturmschäden – aber andererseits auch an der Hitze: Am Alexanderplatz kann es beispielsweise wegen der Wärmeabstrahlung von Gebäuden und versiegelter Flächen um vier Grad wärmer werden als außerhalb der Stadt.

Wenn nichts mehr hilft, kommen die Männer mit der Säge, die dann fast jedes Mal von aufgebrachten Anwohnern empfangen werden. „Viele Bäume sehen gesund aus, haben aber kaputte Stämme oder leiden unter Wurzelpilzen“, sagt Baustadtrat Klaus-Dieter Gröhler (CDU). Charlottenburg-Wilmersdorf geht es nicht anders als dem Rest der Stadt: Berlins Bäume werden weniger, die Nachpflanzungen können die Fällungen nicht aufwiegen. Jedes Jahr schrumpft der Bestand um rund 1500 Stück, weil die Bezirke sparen müssen. Gröhler rechnet es vor: „Ein neuer Baum kostet rund 1000 Euro.“ Darin enthalten sei die Pflege in den ersten drei Jahren. Um den Baumbestand in seinem Bezirk komplett nachzupflanzen, bräuchte er 1,5 Millionen Euro. Ohne private Spender sei da nichts zu machen.

Ein Plus an Bäumen hat lediglich Mitte vorzuweisen. Das liegt auch daran, dass Neupflanzungen in Mitte billiger sind. Der Bezirk vergibt diese Aufgabe nicht wie andere an Privatfirmen, sondern beschäftigt dafür noch eigenes Personal. „Ein neuer Baum kostet bei uns nur 550 Euro“, sagt Wolfgang Leder, Leiter der Baumpflege. Leder schwört auf die Linde, den Berliner Traditionsbaum. Sie sei robust und wenig anfällig, ein Überlebenskünstler. Aber wenn sie könnte, da ist sich Leder ganz sicher, würde „sie die Stadt verlassen“.

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