Berlin : Außen hui, innen pfui

Die Ex-Betreiber der „Paris Bar“ stehen wegen Steuerhinterziehung vor Gericht: Sie geben offen zu, die Hälfte des Geschäfts schwarz abgewickelt zu haben

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Treffpunkt der Schönen und Reichen. Die Ex-Wirte allerdings wollen an der „Paris Bar“ nie viel verdient haben. Foto: dapd/Eisele
Treffpunkt der Schönen und Reichen. Die Ex-Wirte allerdings wollen an der „Paris Bar“ nie viel verdient haben. Foto: dapd/EiseleFoto: ddp

Alle waren sie zu Gast bei den galanten Wirten: ob Jack Nicholson, Robert de Niro, Gina Lollobrigida oder Madonna. Die „Paris Bar“ ist unter der über 25-jährigen Regie von Michael W. und Reinald N. berühmt geworden. Sie wurde Wohnzimmer der Prominenten oder solcher, die sich dafür hielten. Schöne, Reiche, Kluge oder Skurrile. „Wir haben mit Begeisterung daran gearbeitet, dass das Lokal einen internationalen Ruf bekommt“, sagen die Ex-Chefs. Das haben sie geschafft. Finanziell allerdings bewegten sie sich im Schattenbereich: Die Hälfte lief in der „Paris Bar“ schwarz.

Sie hatten immer gehofft, dass alles nicht so schlimm werden würde. Dann schleppten Fahnder kistenweise Material aus den Büros. Gigantische Summen wurden bald errechnet. Steuerhinterziehung in Millionenhöhe, hieß es. Ende 2005 mussten W. und N. ihr Lebenswerk in die Hände eines Insolvenzverwalters legen. Als Angeklagte sitzen die beiden ergrauten Herren, inzwischen 67 und 72 Jahre alt, seit Mittwoch vor dem Landgericht.

Die Liste der Vorwürfe ist lang: In 709 Fällen sollen sie zwischen 2001 und 2005 Steuern und Abgaben „verkürzt“ haben. Dahinter verbergen sich Beträge aus der Umsatzsteuer sowie Lohnsteuern und Sozialversicherungsbeiträge, die durch Schwarzarbeit hinterzogen wurden. Insgesamt knapp drei Millionen Euro. Die Angeklagten sprechen ganz offen: „Ich fuhr beispielsweise selber zum Einkauf, etwa die Hälfte gaben wir schwarz, das war so üblich. Es stand auch außer Frage, dass ein Teil der Löhne schwarz gezahlt wird.“ So habe er es vorgefunden, so führte er es weiter. „Ich fand es komisch, habe es aber nicht hinterfragt.“ Es sei halt damals so gewesen in der Berliner Gastronomie.

Die beiden haben österreichische Wurzeln und den entsprechenden Charme. In den 1970er Jahren waren sie in Berlin gestrandet. Michael W., selbst Maler, betrieb mit anderen Künstlern zunächst eine winzige Kneipe. „Es ging nicht um Geld, sondern um ein facettenreiches Leben.“ Sie hätten sich mit der Hackfleischordnung befasst und einen Erste-Hilfe-Kurs belegt. „Schon hatten wir eine Art Lizenz – das wäre in Wien nie so gegangen.“ Er selbst habe bis heute keine Ahnung von Buchführung. „Ich habe ein Quantum sozialen Charmes.“ Von der illegalen „Halbierung“ aber habe er gewusst.

Die „Paris Bar“ in der Kantstraße ist nicht ihre Erfindung. Gegründet wurde sie in den 1950er Jahren von einem französischen Soldaten, der damit aber wenig Berühmtheit erlangte. 1978 übernahmen W. und N., die damals das „Exil“ in Kreuzberg betrieben, die „Paris Bar“. Alles sei bemerkenswert einfach gelaufen. Allerdings hätten sie Kredite aufnehmen und fortan Loch um Loch stopfen müssen. „Nach außen“ habe das Lokal geglänzt, „nach innen aber war es schlecht gemanagt“, sagte N. Mit dem Ableger nebenan, der „Bar du Paris Bar“, sei wieder ein großer Kredit nötig gewesen. „Es überstieg unsere Möglichkeiten.“ Sie wirtschafteten weiter im Schattenbereich. Weil es sonst viel eher gekracht hätte, sagen die Ex-Wirte.

Fahnder vermuteten, dass sie satte Gewinne erwirtschaftet und im Ausland gebunkert hätten. Von Reichtum aber keine Spur. „Wir butterten immer zu“, sagte W., der in der heutigen „Paris Bar“ einen „kleinen Job an der Tür“ hat. Der Prozess geht am 9. März weiter. Kerstin Gehrke

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