Ausstellung : Die Mauer wird wieder aufgebaut - am Computer

Zwei Künstlerinnen rekonstruierten die Mauer per Computer. Dabei ist eine Zeitreise entstanden die ab Mittwoch auch für Berliner zu besichtigen ist.

Werner van Bebber
berliner mauer virtuell
Erlebbare Mauer. Der Grenzverlauf in der Sebastianstraße in den achtziger Jahren. -Grafik: Promo

Krähen krächzen über dem Todesstreifen, das einzige Geräusch in der Stille zwischen Ost- und West-Berlin, das die Mauer erzeugte. Von links nähern sich zwei Grenzer im exakten Gleichschritt. Sie kommen von Posten in der HeinrichHeine-Straße an der Grenze zu Kreuzberg und marschieren zwei Minuten durch die computergenerierte Darstellung des Mauerverlaufs, machen kehrt, marschieren zurück. Die Grenzer, die Mauer, der Todesstreifen kommen der Realität nah. Doch die virtuelle Mauer der Künstlerinnen Teresa Reuter und Tamiko Thiel ist kein makabres Computerspiel. „Reconstructing the Wall“ ist ein Vorhaben, das die Teilung der Stadt erlebbar macht.

„Rotfront verrecke“, steht irgendwo auf der virtuellen Mauer. Daneben die bunten Mauergemälde, wie man sie mit West-Blick in den Achtzigern sah. Wo die Recherchen es hergaben, übernahmen Reuter und Thiel die Originalbemalung der Mauer für ihre Computersimulation. „Wir wollen, dass man in diesen Raum, in die achtziger Jahre eintritt“, sagt Teresa Reuter. In der realistischen Kunstwelt der beiden kann man an bestimmten Punkten die Fronten wechseln, dann sieht man vom Osten, etwa von einem Plattenbau im Heinrich-Heine-Viertel auf den Westen. Oder man steht im ehemaligen Krankenhaus Mitte, sieht hinter der Mauer die Türme von Bethanien und davor den Kreuzberger Kinderbauernhof. Wenn Teresa Reuter die virtuelle Mauer auf ihrem gigabytereichen PC vorführt, achtet sie darauf, ob der Gast im Mauer-Raum das Gemecker der Ziegen wahrnimmt.

Reuter und Thiel arbeiten seit mehr als zwei Jahren an dem Projekt, Reuter in ihrem Büro in einer Kreuzberger Fabriketage, Thiel in München. Schon 2006 hatten sie in Rainer Klemke, der in der Senatskulturverwaltung sozusagen für Berliner Geschichte und Erinnerungskultur zuständig ist, einen Förderer. Für „Reconstructing the Wall“ bekamen die beiden Frauen 110 000 Euro aus dem Hauptstadtkulturfonds. Mit dem Geld haben sie monatelang recherchiert, Akten und Fotos gesichtet, mit Zeitzeugen und Leuten aus dem Kiez gesprochen und dann mit hohem technischen Aufwand einen Kreuzberger Grenzabschnitt im Rechner rekonstruiert. Die Mauer im Computer steht nun zwischen dem Grenzübergang Heinrich-Heine-Straße und der Adalbertstraße. Der virtuelle Gang durch die Gegend bringt Überraschungen mit sich – auch für Leute, die sich an die reale Mauer noch erinnern können. Dort, wo sie die Gemeinde der Michaelkirche teilte, hatte in den Achtzigern jemand die Kirchenruine als täuschend echtes Gemälde auf der Mauer komplettiert. In der virtuellen Welt der Mauer macht man von dort eine kleine Zeitreise, überwindet die Grenze und steht zwischen den Plattenbauten. Und die sieht man so, wie sie damals, zu DDR–Zeiten, aussahen – nicht im sanierten und renovierten Zustand von heute.

Wenn Teresa Reuter erzählt, wie viele Recherchen und Gespräche notwendig waren, um auch nur an Fotos von den Plattenbauten der Achtziger zu kommen, wird aus der Herstellung der virtuellen Mauer sehr schnell ein zeitgeschichtliches Forschungsprojekt. Denn auch in diesem scheinbar unspektakulären Maueraschnitt gab es im Lauf der 28 Jahre, in denen diese Grenze bestand, Zwischenfälle. Der virtuelle Grenzgänger sieht auf dem Alfred-Döblin-Platz ein junges Paar stehen, sie mit knallgrünen Haaren, wie das damals Mode war. Die Frau beginnt zu erzählen, dass sich in den Sechzigern eine Familie aus einem Haus abgeseilt habe und in den Westen geflohen sei. Während sie redet, verwandeln sich die Fassaden der Achtziger in die der Sechziger, aus einem Fenster baumelt ein Seil. Und dann zeigt der Computer, welchen Schluss die Fachleute des Grenzkommandos daraus zogen: Häuser, abgerissen bis auf die erste Etage, zugemauerte Fenster und Türen. Häuserstümpfe, eine vorläufige Grenze für die, die es in der DDR nicht aushielten.

In der virtuellen Welt kommt man relativ leicht wieder in den Westen und läuft durch die Sebastianstraße, spürt die Enge zwischen den maroden Altbaufassaden und dem Grenzbollwerk, das in den achtziger Jahren eine beträchtliche Höhe erreicht hatte. Wer im Erdgeschoss wohnte, sah wegen der Mauer keine Sonne mehr und auch sonst nicht viel vom Himmel über Berlin. West-Berliner Lebensgefühl. Die Mauer war nie weit weg, deshalb sah man am besten über sie hinweg.

„Reconstructing the Wall“, dieser künstliche und spannende Zeit-Raum, den die beiden Frauen geschaffen haben, soll ab dem 13. August im Museum für Kommunikation zu sehen und – virtuell – zu begehen sein. Das animierte Bild der geteilten Stadt soll auf einer drei mal vier Meter großen Leinwand zu sehen sein, nicht bloß auf dem Bildschirm. Für den November sind Reuter und Thiel in einer Galerie in Seattle gebucht. 2009 wird die virtuelle Mauer in mehreren Goethe-Instituten in den USA gezeigt . Werner van Bebber

Die Ausstellung „Virtuelle Mauer/Reconstructing the Wall“ von Teresa Reuter und Tamiko Thiel wird am 13. August um 19 Uhr eröffnet. Danach ist sie bis zum 7. September im Museum für Kommunikation, Leipziger Straße 16, zu sehen. Öffnungszeiten: Di – Fr 9 bis 17 Uhr, Sa/So 10 bis 18 Uhr.
www.virtuelle-mauer-berlin.de.

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