Ausstellung : Unsere Zukunft: Hauptsache digital

Wie wird sie leben, die typische Familie im Jahr 2030? Auf dem Zukunftsschiff "MS Wissenschaft" wird nach der Antwort gesucht.

Andreas Conrad
Zukunftsschiff
Schöne neue Welt. Wer es nie richtig gelernt hat, einen Videorecorder zu programmieren, wird sich auf dem Zukunftsschiff...Foto: Uwe Steinert

Die Zukunft der Technik im Haushalt stellte sich Loriot so vor: „Es saugt und bläst der Heinzelmann, wo Mutti sonst nur saugen kann.“ Ein Irrtum! Die Kombination aus Staubsauger und Haartrockner hat sich bislang am Markt nicht durchgesetzt, das sollte misstrauisch machen gegen allzu euphorische Prophezeiungen. Auch der RoboCleaner, der sich vollautomatisch durch die Wohnung kehrt und saugt, ist bislang nur das Putzgerät einer Minderheit, aber immerhin, es gibt ihn, man kann ihn kaufen – und seit gestern auch auf dem am Schiffbauerdamm vertäuten Zukunftsschiff „MS Wissenschaft“ besichtigen.

„Unsere Zukunft liegt auf dem Wasser“ – noch so ein prophetisches Wort, diesmal von Kaiser Wilhelm II., der es natürlich sehr speziell gemeint hat, aber kurios ist es schon, dass der mit futuristischen Ideen vollgestopfte Kahn gerade an dem Wochenende in Berlin festmacht, an dem einige hundert Meter weiter auf der „Historiale“ die kaiserliche Helmzier im Sonnenlicht schimmert. Wird dort der Vergangenheit gehuldigt, so hier die Zukunft beschworen – in einer Ausstellung, mit der die Initiative „Wissenschaft im Dialog“ für ihre Arbeit werben, über Projekte informieren und insgesamt auf Wissenschaft neugierig machen will. Unterstützt vom Bundesbildungsministerium haben sich berühmte Wissenschaftsorganisationen und -institute zusammengetan, um zu skizzieren, wie sie wohl lebt: die typische Familie des Jahres 2030.

Sie wird beispielsweise in Autos fahren, die eine Riesenpfütze nicht nur sofort erkennen und sich darauf einstellen, sondern diese Gefahrenquelle auch gleich den anderen in der Nähe herumkurvenden Fahrzeugen per Funk mitteilen. Nicht länger darf sich jedes Familienmitglied frei aus der Hausapotheke bedienen, sondern diese gewährt sensor- und mikrochipgesteuert jedem nur das für ihn geeignete Medikament. Und weitere Sensoren in der Kleidung geben bei bedrohlichen oder irgendwie auffälligen Körperzuständen umgehend Alarm.

Die Schau ist eine Mischung aus Mahnung, Belehrung und Prognose, aus Prophetie und Produktwerbung, locker zusammengehalten durch die – dank etwas kindischer Zeichnungen omnipräsente – Idealfamilie, über die all die Segnungen der Zukunft ausgeschüttet werden. Gerade Kinder werden an vielen Stationen ihren Spaß haben, an dem sogar zum Durchblättern geeigneten digitalen Comic-Buch etwa oder im interaktiven Spiel mit einem kleinen Dino-Roboter, der sich allerdings fast schneckenhaft langsam bewegt – kein Wunder, dass die Saurier ausgestorben sind, eine Spezies ohne Zukunft. Andreas Conrad

„MS Wissenschaft“, bis 2.9.: Anlegestelle Schiffbauerdamm, Nähe S-Bahnhof Friedrichstraße, 3./4.9.: Ziegelhof am Schifffahrtsufer, Spandau, 5./6.9.: Lange Brücke, Potsdam, an Werktagen 9– 19 Uhr, am Wochenende 10– 19 Uhr, Eintritt frei. Näheres: 222.ms-wissenschaft.de

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