Ausstellung zur Geschichte des Stillen Örtchens : Großes Latrinum

Von Lokus bis Leibstuhl: Eine Ausstellung auf Burg Storkow im Süden Berlins widmet sich einem Thema, das alle angeht. Ihr drastischer Titel: „Drauf geschissen“.

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Am Guckloch. Kuratorin Franziska Kreis zeigt Requisiten von anno dazumal. Klosettpapier von der Rolle gibt's erst seit etwa 1890.
Am Guckloch. Kuratorin Franziska Kreis zeigt Requisiten von anno dazumal. Klosettpapier von der Rolle gibt's erst seit etwa 1890.Foto: picture alliance / Patrick Pleul

Keiner weiß genau, wo die Herren von Bieberstein sich hinbegaben, wenn der Darm drückte. Senkrechte Schlitze, durch die geschossen wurde, sind noch einige erhalten auf ihrer einstigen Burg in Storkow im Landkreis Oder-Spree. Aber wo waren im Gemäuer die waagrechten Schlitze über dem Burggraben, auf denen die Biebersteins saßen und ihr Innerstes entleerten? Oder gab es vielleicht nur einige hölzerne Aborte, die im Freien wie ein Schwalbennest über dem Abgrund hingen?

Jetzt aber los zum "öffentlichen Stuhlgang"

„Wir können das nicht mehr exakt rekonstruieren“, sagt Detlev Nutsch. „Die Burg Storkow wurde 1978 bei einem Brand großteils zerstört und erst bis 2009, zur 800-Jahr- Feier der Stadt, mit viel Liebe zum Detail wieder aufgebaut.“ Nutsch ist Storkows originellster Gästeführer, außerdem hat er am Markt, unweit der Burg, die mitten im Zentrum steht, einen Schuhladen, er ist Kommunalpolitiker und Folkmusiker.

Aber jetzt schließt der 61-Jährige den obersten Knopf seines schneeweißen Kittels, rückt die Basecap zurecht, greift zum Putzeimer mit der Klobürste und zieht als „Toiletten-Fred“, wie man ihn hier nennt, zu einem ungewöhnlichen Job los: Jeden ersten und dritten Sonnabend im Monat warten zahlreiche Neugierige auf ihn am Aufgang zur Ausstellungsgalerie im Konzertsaal der Burg, die heute als Kulturzentrum genutzt wird. Nutsch eilt vorneweg, es geht die Treppe hoch zum gemeinsamen „Öffentlichen Stuhlgang“.

Die Historie des Klos ist spannende Alltagsgeschichte

So nennen die Storkower den gut einstündigen geführten Rundgang durch ihre neue Burgausstellung mit dem Titel: „Drauf geschissen!“ Das klingt drastisch, aber warum drumherum reden? Was der Körper nicht mehr braucht, muss raus. Das war schon immer so. Es geht in dieser offensiven Ausstellung also um ein Thema, das eigentlich alle angeht, aber im Lauf der Jahrhunderte zur höchst intimen Privatsache wurde. Obwohl man aus der Historie des Klogangs jede Menge über die Kultur- und Alltagsgeschichte der Menschheit erfahren kann.

Gut versteckt: Ein Leibstuhl aus dem frühen 19. Jahrhundert. Der eigentliche Zweck ist in einer Kommode mit vorgetäuschten Schubladen verborgen.
Gut versteckt: Ein Leibstuhl aus dem frühen 19. Jahrhundert. Der eigentliche Zweck ist in einer Kommode mit vorgetäuschten...Foto: Jeannette Urzendowsky

„Es ist beschämend, wie wenig man darüber weiß“, sagt Kuratorin Franziska Kreis. Immer dann, wenn sie Burgbesucher fragten, was machten denn die geharnischten Ritter, wenn sie auf dem Schlachtfeld mal mussten, dachte Kreis über diese Wissenslücke nach und nahm sich vor, sie zu schließen. Manche Ritter, das hat sie längst herausbekommen, waren an der entscheidenden Stelle ungeschützt. Wappneten sie sich auch dort, so ließen sie es einfach laufen.

Auch Super-High-Tech-Klosetts werden demonstriert

Die 30-jährige Museumspädagogin kümmert sich auf der Burg um Tourismusförderung und Veranstaltungen. Sie bat die Sammlung der Staatlichen Schlösser, Burgen und Gärten Sachsens um Hilfe, weil diese schon ähnliche Ausstellungen organisiert hatte. Sie kontaktierte Sanitärfirmen bis nach Japan, wo die absoluten High-Tech-Toiletten herkommen, und startete einen Aufruf an die Einheimischen, ihr Demonstrationsobjekte auszuleihen. Aus Storkow und den Dörfern drumherum brachte man ihr Jaucheschöpfer, Fotos von Donnerbalken, Nachttöpfe und Bettpfannen aus Heimatstuben in allen Varianten. So bekam sie eine ansehnliche Sammlung mit rund 200 Exponaten zusammen unter dem Motto: „Geschichte und Geschichten rund um das durchaus nicht immer stille Örtchen“ – von den Sitzungen der Römer auf ihrem „locus necessitatis“, dem Ort der Notdurft, über die „Kack“– oder weniger derb ausgedrückt Leibstühle des 18. Jahrhunderts bis zur heutigen Luxustoilette mit Musik, gewärmter Brille, automatischer Deckelöffnung und Hinternspülung, dem sogenannten „Tornado Flash“.

Blick über den Schüsselrand: Jeder dritte Mensch hat noch keine Toilette

Und noch etwas war ihr ein dringendes Bedürfnis. Der Blick über den Schüsselrand. „Jeder dritte Mensch weltweit hat noch immer keine Toilette“, sagt Franziska Kreis. Auch das wird mit allen gesundheitlichen Folgen thematisiert. „Hygienische Sanitärversorgung ist ein Menschenrecht“, steht auf einer Tafel zu lesen.

Der legendäre Nachttopf - in vielerlei Varianten.
Der legendäre Nachttopf - in vielerlei Varianten.Foto: Jeannette Urzendowsky

Aber zurück zum öffentlichen Stuhlgang mit Detlev Nutsch. Der erzählt gerade seinen Zuhörern, dass jeder Mensch durchschnittlich drei Jahre seines Lebens auf der Toilette verbringt, falls er denn eine hat. Die Römer nutzten diese Zeit am liebsten in ihren öffentlichen Latrinen. Diese Mehrsitzer des Imperiums waren im Halbrund angeordnet, damit man sich bequem unterhalten, verhandeln und im doppelten Sinne sein „Geschäft“ machen konnte. Sogar Abwässerkanäle gab es im alten Rom. Davon konnten die Storkower bis Mitte der 80er Jahre nur träumen. Bei ihnen gehörte noch im späten 20. Jahrhundert die Jauchegrube zu jedem Haus.

Im Mittelalter stanken die Straßen erbärmlich

„Immerhin, das war schon besser als im Mittelalter“, sagt Detlev Nutsch. Städter leerten ihre Nachttöpfe damals mit kühnem Schwung aus dem Fenster aus, man trug Schuhe mit extrem hohen Holzsohlen, um auf den erbärmlich stinkenden Straße halbwegs sauber zu bleiben. Wer unterwegs war, entleerte sich am Wegesrand. Und die vornehme Gesellschaft nutzte Parks und Gärten, denn auch die märkischen Schlösser und Herrenhäuser hatten oft nur einen oder aber gar keinen „Abort“, wie der kleine abgelegene Rückzugsort bereits genannt wurde. Gab es ein solches Örtchen, so suchte man es gerne auf, denn im Gegensatz zur Unbekümmertheit der antiken Klosett-Vorfahren entwickelte sich nun langsam ein neues Verhältnis zu den elementarsten Bedürfnissen: Es wuchs das Schamgefühl.

Der Leibstuhl ist in einer Truhe verborgen

Das spornte findige Tüftler an. Detlev Nutsch zeigt auf eine kleine Kommode. Nussbaumfurnier, drei Schubladen, Fach mit Klapptür. „Alles Schau“, sagt er und hebt den oberen Deckel ab. Eine hölzerne Sitzbrille erscheint, darunter die Schüssel des verborgenen Leibstuhls für den Stuhlgang. „Manche waren auch in Möbeln versteckt, die aussahen wie Truhen oder geschnitzte Bücherstapel“, erzählt Nutsch. Dann erläutert er das nächste Prachtstück: Eine Reisetoilette, um 1900, mit Trockenspülmechanismus. Schließt man den Deckel, rieselt automatisch Sand auf die Hinterlassenschaft.

Flexibel. Eine Reisetoilette um 1900.
Flexibel. Eine Reisetoilette um 1900.Foto: picture alliance / Patrick Pleul

Was gibt es noch zu sehen? Mit Blumenmustern verzierte Porzellanschüsseln und Waschbecken aus herrschaftlichen Häusern, eine Beschreibung des ersten „water closets“, kurz WC, mit Syphon – also dem gekrümmten Abflussrohr als Geruchsverschluss, erfunden vom britischen Uhrmacher Alexander Cummings anno 1775. Gut 75 Jahre später wurde in London die erste öffentliche Bedürfnisanstalt eröffnete, weshalb die Briten lange Zeit als führende Klo-Nation galten. Doch bereits 1820 soll es auch in Berlin im Nikolaiviertel eine öffentliche Latrine zum Sitzen oder Hocken gegeben haben, je nach Gewohnheit. Und seit 1878 eroberte das gusseiserne Café Achteck die Plätze der Reichshauptstadt.

Warum heißt das Örtchen eigentlich "00"?

Detlev Nutsch schildert die Anfänge der Kanalisation, die Funktion der Rieselfelder. Dann fragt er: „Seit wann gibt’s überhaupt Toilettenpapier?“ Seit Ende des 19. Jahrhunderts. Doch erst in den 20er Jahren wurde ein Markenartikel daraus. Zwei Kinder melden sich. „Wieso sagt man zum Klo auch 00?“ Ganz einfach. Bis vor 100 Jahren hatten viele Hotels nur Etagenklos in der Nähe des Treppenhauses. Dort begann die Nummerierung der Zimmer. Also hieß das Örtchen „00“.

MEHR INFOS:
„Drauf geschissen“, Burg Storkow, im März, tgl. 11–16 Uhr; Apr.–Okt., tgl. 10–17 Uhr. Reservierungstelefon für Führungen: 033678-73108, www.storkow-mark.de.

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