Berlin : Ausverkauf wegen Bauarbeiten

Charlottenburger Geschäftsleute sind sauer auf die Bahn, die längere Streckensperrung verschwieg

Klaus Kurpjuweit

„Die sollten sich schämen.“ Edith Hertel kann sich gar nicht beruhigen, als ihr klar wird, wer ihr – und vielen anderen – den Schlamassel eingebrockt hat. Dass die S-Bahn-Strecke zwischen Charlottenburg und Zoo vier Monate länger gesperrt sein wird als angekündigt, hat sie in der Zeitung gelesen. Sie dachte, die Bauarbeiten zur Sanierung dieses Abschnitts hätten sich „wie üblich“ in Berlin verzögert. Als ihr dann klar wird, dass ein vermeidbarer Streit zwischen der Bahn und der Stadtentwicklungsverwaltung den Terminplan durcheinander gebracht hat, wird Edith Hertel noch wütender. „Die machen, was sie wollen, und für die Fahrgäste interessieren sie sich einen Dreck.“

Dass sich die Arbeiten verzögern und damit Kunden länger ausbleiben, macht auch die Geschäftsleute, die in den Stadtbahnbögen Mieter der Bahn sind, wütend. Die Bahn habe sie, wie eine Kioskbetreiberin sagte, bis heute nicht informiert. Dabei war den Verantwortlichen schon lange klar, dass der Termin nicht gehalten werden kann. Die Züge sollten am 15. Dezember wieder fahren. Jetzt wird es nach den aktuellen Plänen wahrscheinlich bis zum 17. April dauern. Gesperrt wurde die Strecke am 24. Februar. Begonnen wurden jedoch nur die Arbeiten an den Gleisen. Für den parallel zu diesen Sanierungsarbeiten vorgesehenen Umbau des S-Bahnhofs Charlottenburg rührte sich jedoch keine Hand.

Erst kurz vor Beginn der Sperrung hatten Bahn und Senat angeblich bemerkt, dass sie sich noch nicht über den Preis eines Grundstücks am Bahnhof geeinigt hatten, das der Senat als Ausgleich für die gefällten Bäume an der Bahnböschung zu einer Grünanlage machen will. Erst Mitte Juni einigten sich beide Seiten, so dass die Arbeiten am Bahnhof, dessen S-Bahnsteige näher zum U-Bahnhof Wilmersdorfer Straße verlegt werden, mit vier Monaten Verspätung begannen.

Damals erklärte die Bahn noch, dass der Termin trotzdem eingehalten werden könne. Jetzt zeigt sich, dass die vier vergeudeten Monate doch nicht aufgeholt werden können. Den Schaden haben die Fahrgäste, die, wie Edith Hertel, weiter den Weg zwischen Charlottenburg und Zoo mit dem Bus zurücklegen müssen, sowie die Geschäftsleute.

Die Bauarbeiten haben auch den Neustart des traditionsreichen Lichtgeschäfts Arno in den Stadtbahnbögen am Savignyplatz gebremst. „Mit den Gerüsten vor dem Geschäft waren kaum Kunden anzulocken“, sagt Inhaber Axel Fuhrmann. Dass die Arbeiten zumindest in diesem Bereich im Zeitplan sind, kann ihm nicht helfen. „Ausverkauf wegen Bauarbeiten“ steht auf den Tafeln. Doch Fuhrmann will nicht aufgeben. Er wagt einen dritten Start – dieses Mal aber in Räumen gegenüber den Stadtbahnbögen.

„Wiedergutmachung“ für die Fahrgäste erwartet jetzt Christfried Tschepe vom Fahrgastverband IGEB. Als Ausgleich für die Verzögerung der Arbeiten sollten die neuen Bahnsteige in Charlottenburg vollständig überdacht werden, fordert Tschepe. Die Bahn will sich hier mit der halben Länge begnügen – und das nach der ganzen Warterei.

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