Auszeichnung für Zivilcourage : „Wir haben einfach geholfen“

"Solche Vorbilder braucht unser Land"- mit diesen Worten ehrte Staatsministerin Maria Böhmer drei junge Männer im Kanzleramt: Mohamed, Kahlil und Walid. Nach dem brutalen Angriff auf eine TV-Journalistin in Berlin waren die drei jugendlichen Helden der Frau zu Hilfe geeilt.

Tanja Buntrock
Ruetli-Schueler im Kanzleramt
Zivilcourage: Die drei Schüler Mohamed, Walid und Khalil (v.l.) haben ihren Mut bewiesen. Heute werden sie dafür im Kanzleramt...Foto: ddp

BerlinHelden sein, nur für einen Tag. Welche Jugendlichen wünschen sich das nicht? Mohamed, Walid und Khalil hätten allen Grund dazu, sich als solche zu fühlen. Schließlich haben sie eine Journalistin vor einer Woche vor einem Angreifer gerettet. Doch beim gestrigen Besuch im Bundeskanzleramt blieben sie bescheiden: „Helden kann man nicht sagen“, erzählt Khalil. „Wir haben einfach geholfen. So als wäre das unserer Mutter oder kleinen Schwester passiert.“

Genau deshalb hat die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, Maria Böhmer (CDU), die drei eingeladen. Als Dank für ihre Zivilcourage. Nach einem persönlichen Gespräch im kleinen Kreis trat sie mit dem 17-jährigen Mohamed, der das Oberstufenzentrum für Verkehr in Tempelhof besucht und seinen Cousins Walid und Khalil – beide 16 und Schüler an der Neuköllner Rütli-Schule – vor die Presse. „Sie haben etwas getan, was nicht selbstverständlich ist“, sagte Böhmer. „Dabei haben auch sie sich in Gefahr gebracht.“ Neben ihnen stehen ihre Familienangehörigen, der Direktor der Rütli-Schule, Alexander Dzembritzki, mit seinem Kollegen Karl-Heinz Wolf vom Tempelhofer Oberstufenzentrum und lächeln stolz.

„Ihr geht es wieder besser, das ist das Wichtigste“

Wie berichtet, hatten die drei Jugendlichen am vorigen Mittwoch vom Oberdeck im Bus der Linie M29 gesehen, wie am Reichpietschufer in Tiergarten eine Frau am Boden lag und von einem Mann mit einem Elektroschocker angegriffen wurde. Sie stiegen aus, rannten zurück zum Tatort und warfen sich auf den Angreifer. Der zückte ein Messer, doch „mein Cousin Walid trat ihm gegen die Knie“, schildert Mohamed. Der Unbekannte flüchtete. Von ihm fehlt weiterhin jede Spur. Die im Gesicht verletzte 43-Jährige – eine TV-Moderatorin und Journalistin – kam in eine Klinik. „Ihr geht es wieder besser, das ist das Wichtigste“, sagt Walid.

Vor allem, dass es drei Jugendliche aus Zuwandererfamilien waren, die der Frau halfen, freut Maria Böhmer. Die Eltern der drei Retter sind palästinensische Flüchtlinge. „Das Land braucht Vorbilder. Ich bin sicher, dass ihre Zivilcourage ein Signal sein wird im Kreis der Migranten“, sagte Böhmer. Oder anders gesagt: Diesmal sind junge Migranten eben nicht als Täter in Erscheinung getreten – wie es laut Polizeistatistik so häufig der Fall ist. Aber auch, dass zwei von ihnen auf die berüchtigte Rütli-Schule gehen, macht die Sache besonders. Denn ein Brandbrief der Rütli-Lehrer hatte im vorigen Frühjahr eine bundesweite Debatte über die Integration von Migranten ausgelöst. Doch nun sei man mit etlichen Projekten auf dem richtigen Weg, versichert Schulleiter Dzembritzki. Er appelliert an alle: Jeder Schüler, egal, wo er herkommt, sollte dieselbe Chance erhalten. Vor allem, wenn es um Ausbildungsplätze geht. Die drei Jugendlichen sind bald fertig mit der Schule. Sie haben ganz konkrete Berufswünsche: Mohamed räumt von einer Karriere als Polizist oder Bänker, Walid möchte Kaufmann und Khalil Zahntechniker werden.

Als Geschenk bekamen sie einen Bildband

Als die Fotografen sie umringen, schauen die Jugendlichen, die allesamt dieselbe Haargel-Frisur haben und fast als Brüder durchgehen könnten, zunächst schüchtern auf den Boden. Ganz so bescheiden waren sie kurz nach der Tat nicht: Als der Tagesspiegel die drei fotografieren wollte, forderten sie noch 500 Euro – pro Person. Schließlich hätten sie „ihr Leben riskiert“.Wenn es auch kein Geld gab, gestern mussten sie nicht mit leeren Händen gehen: Als Geschenk bekamen sie den Bildband „Die Bundeskanzler und ihre Ämter“, mit einer persönlichen Signatur der Kanzlerin Angela Merkel.

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