Berlin : Auto-Brandstifter haben wenig zu befürchten

In der Nacht zu Dienstag wurde das 92. Fahrzeug in diesem Jahr angezündet Nicht jede Tat ist politisch motiviert – die Täter aber entkommen fast immer

Jörn Hasselmann

Die Zahl der von Linksextremisten verübten Brandanschläge auf Autos ist in diesem Jahr etwas gesunken. Der in der Nacht zu Dienstag in Mitte angezündete Geländewagen in der Zionskirchstraße ist nach Angaben der Polizei der 69. Brandanschlag auf ein Auto, hinter dem die Polizei ein politisches Motiv vermutet. Dabei wurden 92 Fahrzeuge „direkt angegriffen“. Eine erhebliche Anzahl weiterer Fahrzeuge, die daneben standen, wurde ebenfalls zerstört oder beschädigt. Im vergangenen Jahr wurden bei 113 Anschlägen 129 Fahrzeuge direkt in Brand gesetzt. Aber diese statistische Erfassung der Polizei nennt nicht die Zahl der tatsächlich zerstörten Fahrzeuge: So wurden bei dem Anschlag auf die Neuköllner Filiale der Autovermietung „Robben & Wientjes“ Ende Mai 29 Lastwagen zerstört. In der Statistik sind das jedoch nur vier „angegriffene Fahrzeuge“. Allein durch diese größte Einzeltat ist die Zahl der zerstörten Autos in diesem Jahr etwa konstant.

Polizei und Experten sind von dieser Entwicklung überrascht. Denn nach dem Ende des Weltwirtschaftsgipfels 2007 in Heiligendamm hatte man erwartet, dass die Brandstifter die Lust verlieren. Doch offensichtlich hat die militante linke Szene Gefallen an derartigen Anschlägen gefunden – denn das Entdeckungsrisiko ist minimal. Ein Polizist beschrieb das Vorgehen der Täter so:  „Bücken, Brandbeschleuniger unters Auto, glimmende Zigarette dazu.“ Nach zwei bis drei Minuten brennt es, für die Täter Zeit genug zu flüchten. Nur wenige Verdächtige wurden deshalb auf frischer Tat festgenommen, meist waren es Mitläufer, die angetrunken „ein Zeichen“ setzen wollten und dann in der Nähe blieben.

Deshalb hatte Innensenator Ehrhart Körting (SPD) die Forderung der CDU-Opposition nach einer Sonderkommission strikt abgelehnt. „Wir können nicht zu jeder Zeit an jeder Stelle präsent sein“, begründete dies Polizeipräsident Dieter Glietsch. Die CDU hatte Glietsch im Sommer heftig kritisiert, weil er in einem Interview Mercedes-Fahrern geraten hatte, Kreuzberg zu meiden.

Die Polizei kann nach Anschlägen nur vermuten, ob eine politische Motivation vorliegt. Dafür gibt es bestimmte Kriterien. Die Art des verwendeten Brandbeschleunigers zählt dazu. Bekennerschreiben gab es nur selten, etwa wenn Firmenwagen von Siemens oder der Bahn betroffen waren. Ein großer Mercedes und ein Kreuzberger Tatort allein waren nicht immer verlässliche Anhaltspunkte: So gehörte ein abgebrannter Daimler einem Türsteher – und der hatte zuvor „Ärger“ mit der Konkurrenz. Sein Wagen gehört wie der in der Nacht zu Dienstag in Charlottenburg ausgebrannte Ford Fiesta in die Rubrik „unpolitische Brandstiftung“. Die drei Brandkommissariate haben jährlich etwa 200 solcher Fälle zu bearbeiten.

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