Berlin : Autofahrer schauen noch bis 2005 in die Röhre

Der Tiergarten-Tunnel steht bereit – doch durchfahren können die Berliner nicht, weil die Bahn beim Bau des Lehrter Bahnhof gebummelt hat

Klaus Kurpjuweit

Das hat es wohl noch nie gegeben: Für den Tunnel zwischen Lehrter Bahnhof und Potsdamer Platz, der den Tiergarten unterquert, laufen jetzt die ersten Gewährleistungspflichten der Baufirmen ab – ohne dass auch nur ein einziges Auto den Tunnel bisher durchfahren konnte. Und es wird auch noch eine Weile dauern, ehe es so weit ist und die Autos nicht mehr zwischen Kanzleramt und dem Paul-Löbe-Haus des Bundestags herumkurven müssen. Im Sommer 2005 sollen die Autos unter die Erde – zehn Jahre nach Beginn der Arbeiten.

Dabei sind die Röhren fast fertig. Nur knapp 100 Meter fehlen noch an dem 2,4 Kilometer langen Tunnelbauwerk. So endet der von Süden kommende Tunnel jetzt an einer Betonwand. Dahinter befindet sich die letzte Baugrube für den künftigen Hauptbahnhof-Lehrter Bahnhof. Dort wird auf Hochtouren gebaut, doch die Verspätung ist nicht mehr aufzuholen. Optimisten hatten geglaubt, dass der Tunnel, der die Entlastungsstraße durch den Tiergarten ersetzen wird, bereits 2000 befahrbar sein würde.

Gebummelt hat die Bahn. Ihr war beim Bau des Hauptbahnhofes der Terminplan völlig durcheinander geraten. Der Straßentunnel kann aber nur zusammen mit den Röhren der Bahn und der unterirdischen Bahnhofshalle gebaut werden – als Bauwerk aus einem Stück. Deshalb ist die Bahn im Bereich des Hauptbahnhofs auch Bauherr für den Straßentunnel. Und so kann Projektleiter Dieter Zocher nur warten, bis die Bahn voraussichtlich Ende 2004/Anfang 2005 die letzten Meter des Straßentunnels an den Senat übergibt. Dann muss noch der Innenausbau folgen. Im fertigen Tunnelabschnitt beginnt er noch in diesem Jahr.

Die Planer der Stadtentwicklungsverwaltung, die für den größten Teil des Tunnelbaus vom Landwehrkanal bis zur Heidestraße verantwortlich waren, haben darauf absichtlich gewartet. Sie waren mit ihren Rohbauten bereits 2000 fertig – wie geplant. „Hätten wir dann auch gleich die Röhren mit der gesamten Technik ausgestattet, wäre viel Geld zunächst nutzlos ausgegeben worden“, begründet Zocher den Terminplan. Ohnehin muss das Land für das Provisorium bereits jetzt etwa 50 000 Euro im Jahr ausgeben. Für die provisorische Beleuchtung, für das Abpumpen des Grundwassers und auch für die Bewachung des Bauwerks.

Die Gesamtkosten blieben fast im Rahmen. Mit 373 Millionen Euro war der Bau veranschlagt, kosten soll er jetzt 388 Millionen Euro. Weil zu Beginn der 90er Jahre die große Koalition auf Druck der SPD auf einen Bau nach Autobahn-Standard verzichtet hat, muss das Land den größten Teil der Kosten übernehmen. Eine Autobahn hätte der Bund finanziert.

Herausgekommen für das viele Geld ist ein Schmalspurtunnel. Von den Uferstraßen am Landwehrkanal gibt es bis zum Kemperplatz nur jeweils eine Fahrspur pro Richtung. Erst dann wird der Tunnel bis zur Ein- und Ausfahrt Invalidenstraße zweispurig je Richtung, um dann wieder auf jeweils einer Spur von und zur Heidestraße zu gelangen. Hinzu kommt stets ein schmaler Nothaltestreifen.

Die Ein- und Ausfahrten am Kemperplatz und an der Invalidenstraße liegen jeweils zwischen den Tunnelröhren. Dies erfordert eine ungewöhnliche Verkehrsführung. Für die Autofahrer im Tunnel kommen die einbiegenden Fahrzeuge von links statt von rechts. Und wer den Tunnel an diesen Ausfahrten verlassen will, muss sich jeweils auf der linken Fahrspur einordnen. Auf Ein- und Ausfahrten in Höhe der Straße des 17. Juni haben die Planer verzichtet. Der Tunnel soll keinen zusätzlichen Verkehr anziehen, wünschen sie sich. Mit etwa 60 000 Autos pro Tag rechnen die Planer.

Wer von Süden nach Norden will oder umgekehrt soll die Ein- und Ausfahrten am Kemperplatz nutzen. Für die von Osten und Westen kommenden Autos ist die Einfahrt am Landwehrkanal gedacht. Zur Überquerung des Kanals ist 1998 die George-C.-Marshall- Brücke gebaut worden, die heute teils als Parkplatz genutzt wird. Für Fußgänger von und zum Potsdamer Platz, die hier fast nur unter Lebensgefahr die Ost-West-Straßen überqueren können, wurde gestern eine provisorische Ampel installiert. An dieser Stelle wird der Tunnel auch schon genutzt. Hier findet der Lieferverkehr für die dortigen Geschäfte statt. DaimlerChrysler hat auf eigene Kosten sogar einen Tunnel unter dem Tunnel der B 96 bauen lassen, so dass Lastwagen nach dem Ausladen wieder die Ausfahrt am Landwehrkanal nehmen können. Sony dagegen muss später bis zum Ende des Tunnels fahren; hier gibt es keine Wendemöglichkeit.

Dass jetzt bereits die ersten Gewährleistungspflichten für beteiligte Baufirmen ablaufen, muss übrigens nicht in jeder Hinsicht ein Nachteil sein. „So konnten wir problemlos sehen, ob der Tunnel überall dicht ist“, sagt Zocher. Wären die Auto-Röhren bereits in Betrieb, wären kleine Risse im schnell auftretenden Schmutz kaum noch zu sehen. Dennoch wäre es aber wohl nicht nur Zocher lieber gewesen, wenn der Tunnel früher in Betrieb gegangen wäre – Dreck hin oder Dreck her.

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