Berlin : Autofreier Sonnabend: Staus und Abgase: Trotz des Aktionstages brummte der Verkehr

Christoph Stollowsky

"Gut gemeint - aber ein Flop": Sprecher von Polizei und Verkehrsbetrieben kommentierten gestern den ausgerufenen "autofreien Sonnabend" mit nahezu gleichen Worten. Schon frühmorgens brummte der Verkehr wie eh und je durch die Stadt. Nur wenige Autofahrer stiegen anlässlich der europaweiten Aktion auf Busse und Bahnen um. Viele wussten gar nicht, was man von ihnen erwartete, etliche rügten, es sei nur halbherzig dafür geworben worden. In Mitte ergab sich dadurch ein absurdes Bild: Auf der gesperrten Straße "Unter den Linden" machten Umweltfreunde für alternative Verkehrskonzepte Reklame, drumherum stauten sich umgeleitete Blechkarawanen.

Vom Erfolg der autofreien Sonntage in den 70er Jahren konnten die Veranstalter gestern nur träumen. Am Montag, dem 27. November 1973 beispielsweise, schrieb der Tagesspiegel: "Einige hunderttausend Berliner mehr als an normalen Sonntagen benutzten am autofreien Sonntag Busse und U-Bahnen." Fairerweise muss allerdings gesagt werden, dass es damals - in den Tagen der weltweiten Ölkrise - nicht um die Rettung der Umwelt, sondern ums Benzinsparen ging, was die Regierenden erheblich mehr alarmierte. Alle mussten ihr Auto gezwungenermaßen stehen lassen, während man gestern auf Freiwilligkeit setzte.

Und das bereits zum zweiten Male mit dem gleichen geringen Erfolg in der gesamten Bundesrepublik. Zum 22. September 2000 hatte die Europäische Union (EU) erstmals einen autofreien Sonnabend unter dem Motto "Die Stadt neu erfahren" angeregt. Alle EU-Länder gingen darauf ein, so dass sich europaweit im vergangenen und in diesem Jahr 752 Städte beteiligten, darunter rund 170 deutsche Kommunen. Organisiert wird die Aktion meist von Umweltverbänden wie der Grünen Liga oder dem Allgemeinen Deutschen Fahrradclub (ADFC), die auch gestern einen Radkorso durch alle Bezirke und ein buntes Umweltfest "Unter den Linden" veranstalteten.

Mit der Resonanz waren sie mehr als zufrieden. Rund 5000 stiegen gemeinsam aufs Rad, zehntausende Menschen bummelten über den Öko-Markt oder sausten auf Skates über den Asphalt, der gestern nur ihnen gehörte - eine Attraktion auch für zahlreiche Touristen und "eine gute Werbung für "umweltfreundlichere Verkehrsmittel wie das Fahrrad", so Berlins Umweltsenator Peter Strieder (SPD), der selbst per pedale zur Festmeile kam.

Der große Zuspruch tröstete die Aktiven über die Ignoranz der Autofahrer hinweg, zumal sie den Flop auf den Straßen eher den Regierenden als sich selbst ankreiden. Das Projekt eines autofreien Tages werde in Deutschland von Seiten der Stadtverwaltungen nicht ausreichend unterstützt, heißt es beim ADFC. Anders in Italien, wo in vielen Städten bereits jeder zweite Sonntag des Monats autofrei ist - oder in Paris: Dort habe man im vergangenen Jahr einen wesentlich größeren Teil der City als in Berlin für Autos dichtgemacht, aber zugleich auf den Straßen attraktive Feste veranstaltet, sagt Axel Bayer im ADFC-Laden in Mitte. Dadurch sei die Sperrung nicht als Zwang, sondern als "Bereicherung" akzeptiert worden: "Einen Tag lang gab es wirklich ein neues Stadtgefühl."

Die Mitarbeiter der BVG-Leitstelle verzeichneten hingegen gestern nichts Besonderes. Dabei hatten Berlins Verkehrsbetriebe sogar versucht, die Autofahrer zu ködern: Ausnahmsweise durfte man einen ganzen Tag lang mit dem Zwei-Stunden-Ticket für 4,20 Mark durch Berlin fahren.

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