Autogrammjäger bei der Berlinale : Nahkampf um die Unterschrift

Heute geht die Berlinale zu Ende. Für Ron und Roland war es täglich harte Arbeit: Als professionelle Autogrammsammler greifen sie die Stars ab – und viele blaue Flecken. Ein Tag am Teppich.

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Nahkampf um die Unterschrift. Roland (ganz links) und Ron (davor) werden von Anita Ekbergs Sicherheitspersonal zurückgewiesen.
Nahkampf um die Unterschrift. Roland (ganz links) und Ron (davor) werden von Anita Ekbergs Sicherheitspersonal zurückgewiesen.Foto: Christoph Dach

Ron muss jetzt mal weg. „Und zwar janz schnell“, sagt er, „erstmal keine Zeit für Geschichten.“ Erstmal arbeiten. Der Berlinale- Wahnsinn, der an diesem Wochenende zu Ende geht, beginnt für den Autogrammsammler an diesem Tag zur Mittagszeit: kurz nach halb eins, Potsdamer Platz. Am Seiteneingang des Hotels Grand Hyatt fahren schwere Limousinen vor. Hinter dem Zaun gerät die Masse in Wallung, Menschen schieben anderen Menschen Knie und Ellbogen in den Rücken. „Eeeeemile“, ruft die eine Seite. „Pauuul“, kreischt die andere. Als Emile Hirsch und Paul Rudd aus den Autos steigen, werden ihnen dutzende Fotos vors Gesicht gehalten. Meistens Hochglanz, 20 x 30 Zentimeter, A4-Format. Verbunden mit einem Wunsch: „Just one signature!“ Nur diese eine Unterschrift. Die Schauspieler haben Geduld mitgebracht, sie arbeiten die Schlange ab. Dann sind sie wieder weg. Und Ron ist wieder da, zurück aus aus der Menge, drei Unterschriften im Gepäck. „Ein ganz guter Start. Die beiden waren nett, haben unterschrieben“, sagt er, „da kenne ich ganz andere Pappenheimer.“ Zeit für Geschichten.

Ron, 30, dunkle Wollmütze, Zehn- Tage-Bart, erzählt sie bei einem Grad unter Null am liebsten im beheizten Auto. Für ihn war das fast zwei Wochen lang ohnehin ein zweites Wohnzimmer. „Berlinale heißt für uns: sieben Tage die Woche, 10 bis 15 Stunden am Tag, immer auf Achse. Und das Auto fast immer voll mit Gleichgesinnten.“ Die Sammler fahren die markanten Punkte oft gemeinsam ab, den Potsdamer Platz, den Flughafen Tegel, die Hotels, Restaurants. An diesem siebten Tag der Filmfestspiele ist er zunächst allein unterwegs, die Hysterie hat selbst beim harten Kern in der zweiten Woche ein wenig nachgelassen. „Heut’ ist Platz im Auto. Weil die ganz großen Namen fast alle schon wieder weg sind“, sagt der Berliner. Dann fährt Ron los.

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1 von 419Foto: Klaus-Dietmar Gabbert/dpa
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15.41 Uhr, Hotel Adlon. Hier wohnen Jeremy Irons und Melanie Laurent. Der Fachmann am Lenkrad mustert die Wagen vor dem Hotel. „Keine Chance, die fahren aus der Tiefgarage raus“, sagt Ron. Woher er weiß, mit welchem Fahrzeug die Schauspieler unterwegs sind und wo sie wohnen? „Betriebsgeheimnis!“ Neben allerhand Berlinale-Heftchen mit PK-Terminen helfen Zeitungen, das Internet und Kontakte zu anderen Sammlern. „Eigentlich sind wir ja alle Konkurrenten“, sagt Ron, „aber wir helfen uns auch gegenseitig.“ Wie bestellt klingelt das Telefon, zum x-ten Mal an diesem Tag. „’Ne Kollegin“, sagt Ron nach seinem 30-Sekunden-Gespräch. „Anita Ekberg ist auf dem Weg zum HAU.“

16.11 Uhr, Hebbel am Ufer. Die Kälte sitzt nach 20 Warteminuten in den Knochen. Plötzlich taucht Roland auf, 36, auch Berliner. „Wir sind alte Sammlerfreunde“, erzählt Ron. „Seit zehn Jahren stehen wir uns zusammen die Beine in den Bauch.“ Roland nickt und zündet sich eine Zigarette an. Wie viele Autogramme sie besitzen? „Tausende“, sagt Ron; „jeder von uns“, ergänzt Roland. Als ein abgedunkelter Benz auf den Parkplatz biegt, fliegt seine Fluppe schnell weg. Sammeln geht vor. Anita Ekberg will aussteigen, die 81-jährige Schwedin, die mit „La Dolce Vita“ berühmt geworden ist, sieht erschöpft aus. Ihre Begleiter setzen sie in den Rollstuhl und halten die 30 Sammler zurück. Dann unterschreibt Ekberg die Bilder. Nicht sehr viele, die Dame zittert. Aber sie schreibt. Ron und Roland haben Glück. Jeder greift ein Autogramm ab.

Auf der Fahrt zurück zum Potsdamer Platz erzählen die Freunde, wie sie zum Sammeln gekommen sind. „Ich hab als kleiner Bengel mit Fußballer-Autogrammen angefangen“, berichet Ron. „Marco Sejna, Theo Gries, Mario Basler – Anfang der 90er die Größen bei Hertha.“ Später geht er mit seinem Vater auf Musikkonzerte, sammelt Bands, dann Schauspieler, Sportler, Politiker, alle. Bei Roland war es anders. „Ich habe erst nach dem Abi angefangen, da hatte ich Zeit. Ich war schon immer ein großer Filmfan.“ Mittlerweile jagen beide nicht nur Promis bei der Berlinale. Einen Teil ihrer Hochglanzbilder verkaufen sie via Internet; eine Unterschrift bringt zwischen 10 und 50 Euro. Ob man davon leben kann? Darüber wollen die beiden nicht reden. Legenden bringen jedenfalls richtig viel Geld: Paul McCartney sogar 400 bis 500 Dollar. Ron besitzt ein signiertes Foto des Briten. „Mein erstes Superstar-Autogramm. Das würde ich niemals verkaufen.“ Es liegt daheim. Im Büro. „Man könnte auch sagen: im Autogramm-Zimmer.“ An normalen Berlinale-Tagen nimmt er 20, vielleicht 25 Unterschriften mit nach Hause. „Am letzten Sonntag habe ich einen persönlichen Rekord aufgestellt“, sagt Ron. „68!“

Alle für eine. Nicht nur um Juliette Binoche drängelten sich die Autogrammjäger am Potsdamer Platz.
Alle für eine. Nicht nur um Juliette Binoche drängelten sich die Autogrammjäger am Potsdamer Platz.Foto: AFP

17.11 Uhr, Brandenburger Tor. Dämmerung, Stau, tote Zeit. Roland preist die Vorzüge Berlins. „Das Tolle hier ist: Man könnte jeden Tag sammeln. Irgendein Promi ist immer in der Stadt.“ Ihre Ausbeute 2013: Quentin Tarantino, Denzel Washington, Edward Norton, Al Pacino. Inklusive Erinnerungsfoto für das private Archiv. Einmal im Jahr fahren die beiden zudem zu Bud Spencer und Terence Hill in Rom, klappern deren Büros und Apparments ab. „Die kennen uns mittlerweile schon“, sagt Ron. Manche Promis würden sich jedoch weigern zu unterschreiben, Robbie Williams zum Beispiel: „Aussichtslos – wenn man nicht 20, blond und süß ist.“ Und neulich, ergänzt Ron, da habe er an einem Tag fünf Mal vor Robert Redford gestanden, „kein einziges Autogramm!“ Auch Matt Damon ließ die Sammler bei seinem Abflug in Tegel links stehen. So geht es nun wirklich nicht weiter. Zurück zum Potsdamer Platz.

Am Eingang des Hotels Grand Hyatt herrscht ein rauer Umgangston, als Ron und Roland aufschlagen. „Verpisst Euch – ihr habt hier Hausverbot!“, ruft ihnen ein voluminöser Mann in schwarzer Kleidung zu. Die Fotomappe, die er wie seine Kollegen unter dem Arm trägt, entlarvt ihn schnell: Kleiner Spaß unter Sammlern. Man kennt sich, schwatzt, fachsimpelt. „Das Internet hat alles verändert“, sagt einer. Bis zur Jahrtausendwende habe man sich teure Pressefotos besorgen müssen, um an gute Aufnahmen der Stars zukommen. „Heute gebe ich bei Google einen Namen ein und kann zwischen tausenden Bildern wählen", ergänzt ein anderer. Leichter ist es für die Sammler dadurch allerdings nicht, im Gegenteil. Die Konkurrenz drängelt auch an diesem kalten Februar-Abend um die Wette. Gleicht geht das Geschubse am Seiteneingang wieder los, Ron und Roland mittendrin. Melanie Laurent verlässt das Hotel, die kleine Französin aus Tarantinos „Inglourious Bastards“. Auch sie nimmt sich Zeit und schreibt. Doch Laurent kann nicht alle Sammler bedienen, weshalb in der hinteren Reihe Nervosität zu Aggressivität reift. Dann rollen die Limosinen davon, Ron und Roland kommen zurück. Erfolgreich gewesen? Beide lächeln. Und das Gedränge? „Blaue Flecken gehören dazu.“

20.23 Uhr, Hotel Grand Hyatt. Hier isst Anita Ekberg zu Abend, die Dame im Rollstuhl vom Nachmittag. Die Autogrammjäger haben ihr Abendbrot schon hinter sich – Fast-Food („Hatten wir diese Woche ja noch gaaaar nicht.“) Ekberg wird von ihren Begleitern ins Hotel geschoben. Wenig später schickt die schwedische Schauspielerin einen ihrer Aufpasser nach draußen. Er sammelt die Fotos der Autogrammjäger ein, bringt sie nach drinnen und nach einer Viertelstunde signiert zurück. „Welch ein schönes romantisches Ende unserer Geschichte“, sagt Ron und lacht. Heute hatte er nur einen Acht-Stunden-Tag – jetzt ab nach Hause.

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