Berlin : Automobilclub AvD schenkt Berlin einen Superstau

WERNER SCHMIDT

Die Vorbereitungen zu den Feiern zum 100jährigen Bestehen des Automobilclubs von Deutschland (AvD) haben gestern den Verkehr in der Innenstadt fast völlig lahmgelegt. Der AvD feiert von heute an bis Sonntag auf der Straße des 17. Juni. Diese wurde deswegen zwischen der Bachstraße und dem Großen Stern in beide Richtungen vollständig gesperrt. Tausende nicht informierter Autofahrer standen gestern vormittag auf der Straße des 17. Juni im Stau. Und auch die Neben- und Parallelstraße waren dicht - weil viele versuchten, auf diesen den Stau zu umfahren.

"Es ist schon fast kurios, wenn ein Automobilclub ein solches Verkehrschaos hervorruft", sagte ein Polizeibeamter. Warnungen der Polizei seien im Vorfeld von den zuständigen Politikern in den Wind geschlagen worden.

Durch eine mangelhafte Informationspolitik des AvD und der an den Vorbereitungen beteiligten Behörden blieb in den vergangenen Tagen verborgen, daß die achtspurige Magistrale bereits gestern früh gesperrt wurde. Lediglich eine knappe Rundfunkmeldung kündigte das Unheil an: "Die Straße des 17. Juni ist zwischen der Einmündung Bachstraße und Kreuzung Hofjägerallee/Spreeweg wegen einer Veranstaltung gesperrt." Wer dies frühzeitig im Radio gehört hatte und dann noch befolgte, konnte sich glücklich schätzen. Die Vorbereitungen zur Geburtstagsfeier des Automobilclubs hatten gestern vormittag sogar politische Auswirkungen: Eine Pressekonferenz der SPD, auf der diese ihr Wahlprogramm für die bevorstehenden Abgeordnetenhaus-Wahlen vorstellen wollte, begann mit Verspätung, denn auch der Pressesprecher der Partei, Frank Zimmermann, steckte im Stau.

Der gesamte Verkehr aus Richtung des Ernst-Reuter-Platzes muß sich bis Montag früh am S-Bahnhof Tiergarten in die als Umleitung ausgeschilderte enge Bachstraße quälen. Über diese wird der Verkehr zur Altonaer Straße und auf den Großen Stern geführt. In Gegenrichtung führt die Umleitung über die Altonaer Straße und Bachstraße zurück auf die Straße des 17. Juni.

Beim zuständigen Polizeiabschnitt an der Invalidenstraße waren gestern aber keine Meldungen über über größere Staus eingegangen. Allerdings konnte man selbst dort die Auswirkungen spüren, die sich durch ein deutlich erhöhtes Verkehrsaufkommen auf der Invalidenstraße bemerkbar machten. Staus habe es dort aber nicht gegeben.

Aber die Polizei räumte ein, daß die Sperrung der wichtigen Ost-West-Achse fatale Auswirkungen haben mußte, noch dazu, da die Entlastungsstraße, die früher einen großen Teil des Verkehrs aufnehmen konnte, jetzt wegen der Bauarbeiten am Potsdamer Platz und im Regierungsviertel als Einbahnstraße ausgewiesen ist.

Als bei den Vorbesprechungen zur Planung der Feierlichkeiten Verkehrsexperten der Polizei dringend davor warnten, die stark befahrene Straße des 17. Juni, über die täglich rund 100 000 Autos rollen, gleich für vier Tage zu sperren, wurden ihre Warnungen aber von den politisch Verantwortlichen ignoriert, sagte ein Polizeibeamter, der aber namentlich nicht genannt werden möchte. "Es ging hierbei um höhere Interessen."

Ein anderer Beamter versuchte Verständnis für die politische Entscheidung zu finden: "Bei manchen Veranstaltungen, die auch Werbung für Berlin sind, kommt man nicht umhin, ja zu sagen. Die Bedenken der Polizei werden dann oft in den Wind geschlagen."

Die Verkehrsverwaltung legte gestern großen Wert darauf, daß sie mit der Entscheidung, die Straße des 17. Juni zu sperren, nichts zu tun habe. Sie verwies auf den zuständigen Tiergartener Baustadtrat Horst Porath. Betroffene kritisierten gestern, daß zwar eine Veranstaltung wie die jeden zweiten Mittwoch ebenfalls auf der Straße des 17. Juni stattfindende "Blade-Night" wegen ihrer angeblichen negativen Auswirkungen auf den Verkehr politisch unerwünscht sei, dann aber eine Genehmigung erteilt werde, die Straße gleich vier Tage zu sperren - "bloß weil ein Automobilclub 100 wird."







Bentley und Rolls-Royce auf der "Jahrhundertmeile"

130 historische Autos beim morgigen Geburtstags-Korso durch das Stadtzentrum

von Immo Sievers

Zur Feier seines 100jährigen Bestehens macht der AvD ganz schön Dampf. Und das im Wortsinn, denn zu den Autos, die vom heutigen Freitag an, nach der Eröffnung um 16 Uhr, bis zum Sonntag, 14 Uhr, auf der "Jahrhundertmeile" zu sehen sein werden, gehört auch ein Stanley Steamer aus dem Jahr 1900. Er ist der Beleg dafür, daß um die Jahrhundertwende noch nicht entschieden war, ob sich der Dampf-, der Elektro- oder der Benzinmotor als Automobilantrieb durchsetzen würde.

Das Konstruktionsprinzip heutiger Autos war erstmals in dem von Wilhelm Maybach bei der Daimler-Motoren-Gesellschaft in Cannstadt gebaute Mercedes-Wagen aus dem Jahre 1901 verkörpert: Kühler und Motor vorn, Fahrgäste dahinter, die Kutschen-Bauform war passé. Auch dieser Wagen ist für das Fest angekündigt worden.

Der Rolls-Royce "Silver Ghost" von 1907 begründete den Nimbus dieser Marke, der ihr bis heute einen einzigartigen Platz in der Automobilgeschichte verschafft hat. Natürlich darf ein Ford T-Modell nicht fehlen, mit ihm begann schließlich die Massenfabrikation in der Automobilindustrie - in den USA. Über zehn Millionen Käufer konnten sich nicht irren, das Auto mußte einfach gut sein. Mit in Berlin ist auch ein Audi Typ C Alpensieger von 1912. Ihm gelang das einmalige Kunststück, die schwerste Rallye der Kaiserzeit, die Alpenfahrt, viermal in Folge zu gewinnen. Ende der 20er Jahre konstruierte Ettore Bugatti den Typ 35 B, einen Rennwagen, der auf allen Wettbewerbsstrecken Europas für Furore sorgte. In einer anderen Klasse startete damals der Bentley Kompressorwagen. Er siegte 1927 in Le Mans und galt als einziger ernsthafter Konkurrent der Mercedes-Generationen S bis SSK.

Am morgigen Sonnabend vormittag werden die insgesamt 130 historischen Fahrzeuge zu einem Korso vor dem S-Bahnhof Tiergarten Aufstellung nehmen. Um 12 Uhr ist der Start geplant. Daneben läuft die Jubiläumsparty rund um die drei Bühnen mit einem Musik- und Vorführungsprogramm bis Mitternacht. (Mehr zum Thema "100 Jahre AvD" morgen im Mobil-Teil.)

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