Berlin : Autonome bleiben vorerst Sieger

Ingo Bach

Zwangsversteigerung der Köpenicker Straße 137 erneut gescheitertIngo Bach

"Kein Commerz mit der Köpi" verkündeten die Bewohner des Mietshauses Köpenicker Straße 137, bevor es am kommenden Dienstag zur Zwangsversteigerung ihres Gebäudes kommen sollte. Und nachdem schon im Februar ein solcher Termin geplatzt war, weil sich kein Bieter fand, haben die Bewohner des "autonomen Wohn- und Kulturprojektes" auch diesmal Recht behalten. Die Commerzbank, die seit 1998 den Verkauf der Immobilie betreibt, hat die für den 2. November geplante Versteigerung jetzt abgesagt. Auch diesmal gab es keine Käufer.

Dabei handelt es sich bei der Köpenicker Straße 137 um ein durchaus attraktives Grundstück - für Investoren. So hätten sich diesmal gleich drei mögliche Käufer bei der Berliner Commerzbank gemeldet, sagt deren Pressesprecher Hans-Joachim Lorenz. Zusammen mit zwei angrenzenden Arealen ist die Imobilie sehr geeignet für Geschäfts- und Bürobauten.

Das dachte wohl auch der Investor Volquard Petersen, der die drei Grundstücke 1995 erwarb. Doch seine Idee für ein Wohn- und Geschäftshaus ging nicht auf. Die Bewohner der Köpenicker Straße 173, die das Haus 1990 besetzt und später mit der Wohnungsbaugesellschaft Mitte als Verwalter auch gültige Mietverträge abgeschlossen hatten, wollten nicht ausziehen. Petersen musste nach einem gescheiterten Räumungsantrag 1996 die Segel streichen. Nun will die Commerzbank, die Petersen das Geld für den Kauf geliehen hatte, ihren Kredit zurück.

Warum die Interessenten immer wieder abspringen und ob dies vielleicht etwas mit der Weigerung der Bewohner zu tun hat, auszuziehen, kann Lorenz nicht erklären.

Die Autonomen fühlen sich derweil als Sieger. Eine für heute abend geplante Demonstration gegen die Zwangsversteigerung wurde nun als "Jubelparty" angemeldet. Der Demonstrationszug startet um 14 Uhr am U-Bahnhof Mehringdamm. Danach geht es über die Yorckstraße, Pallas- und Hohenstaufenstraße bis vor die Berliner Hauptniederlassung der Commerzbank an der Bülowstraße, wo um 20 Uhr die Jubelparty endet. Die Veranstalter rechnen mit 1000 Teilnehmern auf dem Marsch durch die Stadt. "Die Polizei ist auf eventuelle unfriedliche Aktionen vorbereitet", sagt die Polizeisprecherin Christina Schubert. Das Bank-Gebäude wurde gestern wie berichtet vorsorglich mit Absperrungen gesichert. Allerdings seien Ausschreitungen "wegen der veränderten Umstände eher unwahrscheinlich", sagt Schubert. "Es könnte tatsächlich eine friedliche Jubelparty werden."

"Wir fühlen uns nicht als Unterlegene", meint Commerzbank-Sprecher Lorenz. Es sei nicht ungewöhnlich, dass sich eine Immobilie längere Zeit nicht verkaufen lasse - der Immobilienmarkt in Berlin sei übervoll. Selbst das Angebot, das auf einen Verkehrswert von 5,4 Millionen Mark taxierte Areal für lediglich 3,8 Millionen Mark zu verkaufen, überzeugt derzeit offenbar niemanden.

Die Hausbewohner haben jedoch des öfteren ihr Interesse bekundet, das 1 900 Quadratmeter große Gelände zu kaufen - allerdings nur für einen symbolischen Preis. Darauf ließ sich die Commerzbank bisher nicht ein, sie hält an einem regulären Verkauf fest. "Schließlich handelt es sich um erhebliche Forderungen an Petersen, die wir wiederhaben wollen", sagt Lorenz. Aber solange sich kein Käufer melde, werde man natürlich auch keinen neuen Termin ansetzen. Eine Eigenverwertung des Grundstückes durch die Bank werde es allerdings "ganz sicher" nicht geben.
© 1999

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