Berlin : Autonome zogen vors Polizeipräsidium

Reaktion auf Nazi-Angriffe vor einer Woche. Behörden fürchteten Ausschreitungen, aber es blieb friedlich

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Das Polizeipräsidium am Platz der Luftbrücke war mit 15 Mannschaftswagen und zahlreichen Polizisten abgeriegelt – aber die Bewacher mussten nicht eingreifen: Alles blieb weitgehend friedlich bei einem Demonstrationsmarsch von Antifa-Aktivisten und Kurdischen Gruppen gegen rechte Gewalt und Rassismus am frühen Samstagabend. Rund 400 Beamte waren im Einsatz. Nach Angaben der Veranstalter nahmen 2000 Protestler am dem Umzug teil, die Polizei sprach von 750.

Grund für den Aufzug waren die Nazi-Angriffe auf Migranten und Gegendemonstranten bei einem NPD-Aufmarsch am Samstag vor einer Woche. Wie berichtet, überrannten die Neonazis die Polizei und attackierten Passanten und Sitzblockierer, die teils schwer verletzt wurden.

Unter dem Motto: „Antifaschismus ist nicht kriminell, sondern notwendig“ zogen die Demonstranten nach einer Kundgebung am Kottbusser Tor durch Kreuzberg. Um befürchtete Ausschreitungen zu verhindern, war die Polizei mit einem Großaufgebot im Einsatz und kontrollierte streng. Ansonsten hielten sich die Beamten aber sehr zurück und ließen sogar zu, dass die Demonstranten auf Höhe der Hasenheide eigenmächtig auch die Gegenfahrbahn für sich einnahmen. Festnahmen gab es keine. Das deeskalierende Konzept der Polizei wurde sogar von Demo-Teilnehmern gelobt, obwohl vom Veranstaltungswagen immer wieder Schmährufe erschallten.

Am Hermannplatz musste die Demonstration kurzzeitig wegen eines dort stattfindenden Familienfestes von der Polizei gestoppt werden, zog aber nach kurzer Pause weiter. Abgesehen von einigen verwunderten Blicken seitens der Festbesucher, gab es auch hier keine Zwischenfälle. Zwischenzeitlich gesellten sich sogar einzelne Anwohner zu den Demonstranten. So setzte sich kurzzeitig ein kleiner Junge mit seinem Fahrrad an die Spitze des Zuges. Etwas unsicher wandte er sich an einen Polizisten: „Sind die gefährlich?" Der Beamte beruhigte ihn: „Nein, die wollen nur demonstrieren."

Die Antifagruppen hatten sich um 17 Uhr am Kottbusser Tor getroffen, gegen 18 Uhr stieß dann eine am Neuköllner Hermannplatz begonnene Demonstration von linken Kurden für „ein freies Kurdistan“ mit mehreren hundert Teilnehmern hinzu.

Im Vorfeld des gestrigen Umzuges, der am Polizeipräsidium endete, hatte den Sicherheitsexperten die derzeitige Wut der linken Szene auf die Polizei Sorge bereitet. Die Antifa-Aktivisten werfen der Polizei vor, dass sie die Übergriffe der Neonazis am Mehringdamm nicht verhindern konnte und noch kein einziger Tatverdächtiger gefasst wurde. „Wir wollen mit dieser Demo die Zusammenarbeit der Neonazis und der Polizei thematisieren. Wir verlassen uns schon lange nicht mehr auf die Polizei, wir werden selber aktiv“, hieß es im Aufruf zu der Demonstration. Im Internet warfen Linksradikale der Polizei vor, sie hätte bei dem Aufmarsch „Hand in Hand mit den Nazis“ gearbeitet.

Am Montag wird der missglückte Polizeieinsatz bei dem Naziaufmarsch ein politisches Nachspiel haben. Der Innenausschuss des Abgeordnetenhauses will sich noch einmal kritisch mit den Ereignissen beschäftigen.

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