Avus-Tribüne : Dornröschen zwischen Abgaswolken

Ein Investor hat die denkmalgeschützte Avus-Tribüne gekauft. Der Verfall droht, wenn nicht bald etwas passiert.

Christian van Lessen

Fest versperrt sind die 20 Eingangstore, die kleinen Kassenfenster am Messedamm mit Blechen vernagelt, seitlich soll Stacheldraht vorm gefährlichen Zugang an der Frontseite abhalten, die Wände dort sind dennoch beschmiert. Der Bau, um den herum ein Höllenlärm tobt, wirkt einsam und vergessen, obwohl er zu den bekanntesten und verkehrsreichsten der Stadt gehört. Für Autofahrer auf der Avus zählen die Zuschauertribüne wie der Funkturm zu den ersten und letzten Grüßen Berlins. Die alte Tribüne kündet als Baudenkmal von den einstigen Avus-Rennen und von einer traurigen Nutzlosigkeit. Der Verfall droht, wenn nicht bald was passiert. Keine Behörde weiß, was aus der Tribüne werden soll, Anträge für Umbauten oder neue Nutzungen gibt es offenbar nicht. Den Bau hat ein Privatmann erworben – und der hüllt sich über seine Pläne in Schweigen.

Uwe Neumann gehört zu den Anwohnern, die sich wundern, dass sich so gar nichts an der Tribüne tut. Der Vorsitzende des Siedlervereins Eichkamp sagt, er habe zwar Avus- Rennen nie gemocht, aber die Tribüne als "Überbleibsel" müsste wiederbelebt werden – für Museumszwecke oder Veranstaltungen anderer Art. Aber leider verkümmere sie, wie die Deutschlandhalle gegenüber. Auch Anfragen von Bezirksverordneten brachten bislang keine Gewissheit, der Bezirk erwartete schon im letzten Jahr ein "eigenständiges Nachnutzungskonzept" und bestätigte nur, dass es mit einem privaten Käufer eine "Bauberatung für autobezogene Events" gegeben habe.

Die Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (Bima) hatte 2006 mitgeteilt, die Avus-Tribüne für weniger als eine halbe Million Euro an einen Berliner Geschäftsmann verkauft zu haben, der dort "Produkte der Aluminiumindustrie" ausstellen wolle. Dann hieß es, er plane eine Bildungs-, Begegnungs- und Freizeitstätte, wolle die Tribüne erhalten und instandsetzen und dabei den Denkmalschutz beachten. Er werde den Tribünenbereich durch eine Stahl-Glas-Konstruktion schließen, und das Innere umfangreich ausbauen. Unter anderem, sagt Bima-Sprecher Helmut John, habe der Käufer ein Automobilmuseum, ein Restaurant mit angeschlossenen Sälen für Veranstaltungen (direkt auf der eigentlichen Tribüne) und ein spezielles Avus-Museum einrichten und insgesamt 2,4 Millionen Euro investieren wollen. Die neue Tribüne solle der Erinnerung an die motorsportliche Vergangenheit dienen und der Stadt einen "neuen gesellschaftlichen Treffpunkt" bieten.

Investor ging "auf Tauchstation"

Nun ist zu hören, dass der Käufer seit März als Eigentümer im Grundbuch eingetragen ist. Am Zustand der Tribüne hat das nichts geändert. Helmut John sagt, der Investor habe auf Anfragen interessierter Nutzer nicht reagiert, "sei sozusagen auf Tauchstation gegangen". Für den Bund aber sei mit der Zahlung des Kaufpreises die Sache gelaufen. Der Käufer arbeitete bei einer Berliner Aluminiumfirma. Die ist nach eigenen Angaben in Insolvenz und hält keinen Kontakt mehr zum früheren Mitarbeiter. Für nähere Auskünfte über die Zukunft der Tribüne ist er nicht zu erreichen. Im Internet hat ein Planungsbüro zumindest ein Entwurfskonzept veröffentlicht, mit verglaster Frontwand als "Symbol für die technische Revolution". Die Avus-Tribüne sei "im kollektiven Gedächtnis der Berliner stark verankert", heißt es dort.

Helmut John sagt, es habe vor dem Verkauf eine Ausschreibung für die Tribüne gegeben, für das Bieterverfahren aber sei man "über Jahre durch die Stadt gelaufen, kein Mensch hat sich gemeldet". Die Bundesanstalt und frühere Bundesvermögensverwaltung habe sich von dem Bauwerk aber trennen wollen, weil es nur Kosten verursache und sich nicht vermarkten lasse. Als Werbefläche – darauf habe die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung bestanden – dürfe die Tribüne nicht genutzt werden. Der Bau sei geradezu "lästig" gewesen, meint John. Dann habe sich im sogenannten Nachgeschäft doch noch jener Interessent gemeldet und das Bauwerk gekauft. Mit dem "Mercedes-Haus" gegenüber steht es als Gesamtanlage unter Denkmalschutz.

Gebaut wurde die Tribüne 1936 nach Plänen von Fritz Wilms und Walther Bettenstaedt. Sie gehört wie der Rundbau mit dem Mercedes-Stern zu den Zeugen der großen Renntradition der Avus, die 1998 nach einem tödlichen Unfall ihr lang diskutiertes Ende fand. Zu den Zeugen gehört am Beginn des Messedamms, im Bereich der 1967 abgetragenen Nordkurve, die Skulpturgruppe zweier Motorradrennfahrer, 1938 von Max Esser modelliert. Auf ihr sind im Nachhinein die wichtigen Daten der Avus-Geschichte vermerkt, der Automobil-, Verkehrs- und Übungsstrecke, die 1921 eröffnet wurde und zwei Jahrzehnte lang als "schnellste Rennstrecke der Welt" galt. Im Jahr 1998 startete das letzte Rennen..

Auf der 100 Meter langen Tribüne wurden grandiose Erfolge gefeiert, auch spektakuläre Unfälle verfolgt. Vielleicht ist ihr tiefer Schlaf mitten im Lärm bald vorbei.

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