Berlin : Axel Benzmann (Geb. 1939)

Mit Dutschke im Rückwärtsgang quer über den Bürgersteig.

Elena Senft

Viele Kisten mit Dias, Negativen und Fotomappen sind noch da. Sie stehen in dem Zimmer mit den indischen Buddhas und den Figuren aus Äthiopien, den Masken aus Papua-Neuguinea, den gerahmten Zeitungsartikeln und dem Zeitungsfoto, auf dem er mit Mick Jagger zu sehen ist. Bilder vom Sohn, den er so gerne fotografierte, bis der irgendwann sagte: „Axel, hör doch mal auf, du nervst!“ Und dann noch das Bett, in dem er am Ende krank zu Hause lag.

In den Kisten und Mappen steckt so viel. Ein Sammler war er eben. Einer, der sich für so viel begeisterte, der alles aufhob, aufschrieb und behielt, selbst die Zettel, die seine Frau ihm ins Bad legte, bevor sie zur Arbeit ging: „Ich liebe dich“, „Bis heute Abend“, „Komme heute später“.

Vor allem Fotos von den Reisen gibt es da, Zettel mit Adressen von Freunden auf der ganzen Welt, sein braunes Notizheft, das nur er entziffern konnte. An so viele Geschichten erinnern die Bilder und Notizen, etwa daran, wie er in Papua-Neuguinea im Bus einschlief und an der Endstation von wild aussehenden Männern geweckt wurde, die seine Reisekasse verlangten. Oder an die Neujahrsnacht, in der er das Zimmer mit dem Bischof von Papua-Neuguinea teilen musste.

Geschichten aus der Künstlerkneipe in Kreuzberg, der „Kleinen Weltlaterne“, in der er feierte und fotografierte, die fast sein zweites Wohnzimmer war.

Dann die Sache mit Rudi Dutschke, dem er möglicherweise das Leben rettete: 1968, Axel Benzmann kam aus der „Weltlaterne“ und jemand rief: „Der Rudi Dutschke sucht ’ne Mitfahrgelegenheit!“ Aufgebrachte Taxifahrer hatten Dutschke erkannt, die Schreckgestalt des antikommunistischen West- Berlins. Axel Benzmann öffnete die Tür seines englischen Sportwagens, Dutschke sprang hinein, Benzmann gab Gas. Im Rückwärtsgang ging es quer über den Bürgersteig. Ausgerechnet Axel Benzmann, der damals als freier Fotograf für den Springer-Verlag arbeitete, und der noch kurz zuvor als „Springer-Scherge“ aus der FU-Mensa geworfen worden war.

Er war weder Springer-Scherge noch Dutschke-Fan. Er war neugierig. Und er war einer, der immer irgendwie in Dinge hineingeriet, mit denen er eigentlich gar nichts zu tun hatte. So wie in New York, wo er in einer Bronx- Kneipe saß, und um ihn herum eine Schlägerei ausbrach. Auf Knien konnte er seine Kamera noch retten.

Wenn es um Dinge ging, die ihm wirklich wichtig waren, dann engagierte er sich und ging aufs Ganze. Als er vor 30 Jahren Veronika kennen lernte und sich verliebte, musste er lange um sie werben, bis sie sich geschlagen gab.

Dabei hatte er viele Verehrerinnen, dieser attraktive Mann, der die großen Jazzmusiker fotografierte: Miles Davis, Duke Ellington, der die ganze Welt bereist hatte und stolz auf sein Berlin war, der gerne Rotwein trank und das „Yorckschlösschen“ liebte, der Rolf Eden kannte und mit seinem Freund Tassilo im Europa-Center Kostümpartys organisierte.

Er liebte es, Menschen zusammenzubringen und um sich zu haben, bei Vernissagen, Adventcafés und Festen in seiner Lichterfelder Wohnung. Da kamen die Leute von weit her, in Berlin gestrandete Pan-Am-Piloten etwa, da sprach man Englisch und Französisch.

Seine Familie halte ihn jung, sagte er einmal – und erzählte dann ganz offen und ohne Selbstmitleid von seiner Krankheit, der Chemotherapie, den Schmerzen und Ängsten. Bis er fand: „Jetzt aber genug davon, erzählen Sie doch mal.“

Den Kampf gegen seinen Krebs, der in der Speiseröhre ausgebrochen war, nahm er auf, mit aller Kraft. Er recherchierte selbst, erzwang Untersuchungen und hörte auf seinen Körper. Sein Arzt sagte, er habe selten einen Patienten erlebt, der mit solchem Nachdruck die Medizin gefordert habe. Die Jahre, die er sich erkämpfte, waren intensiv, voller Arbeit mit seinen Fotos. Zwei Ausstellungen machte er und wusste wohl, dass seine Zeit begrenzt war.

In den letzten Wochen ging er mit dem Sohn in die Sushibar oder in die „Luise“. Er weinte in seiner Lieblingskneipe, dem „Zwiebelfisch“, gemeinsam mit Veronika. Von den Ausstellungseröffnungen gibt es Fotos, auf denen Axel Benzmann in Lederweste mit einem Glas Rotwein neben Freunden steht und lacht.

Das Wetter im Frühjahr war schlecht. Dann gab es einen sonnigen Morgen im März. Ein offenes Fenster. Das große weite Wohnzimmer, Kerzen und Blumen. Axel Benzmanns letztes Bild. Elena Senft

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