Berlin : Axel Quade (Geb. 1943)

War die Unfähigkeit zum Nein nicht auch seine größte Stärke?

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Nicht ein einziges Mal hatten Sie schlechte Laune“, schrieb eine Praktikantin ihm einmal. Alle, die ihn kannten, hätten das unterschrieben, die Angestellten und die Stammkunden, selbst seine Ehefrau.

Axel Quade war ein Strahlender, Apotheker auf allen Ebenen. Heiter, freundlich, aufmerksam für Wohl und Weh der anderen, vor allem das der Damen. Einer, der die Tür aufhielt, in den Mantel half, sich nach dem Befinden erkundigte. Der den Pillen gern ein Kompliment dazupackte. Fuhr er durch Lichtenrade, kam er aus dem Winken nicht heraus, und schickte er sich an, vor seiner Haustür das Laub zu kehren, so hatte er am Ende kaum Blätter, dafür aber die Geschichten seiner Nachbarn eingesammelt.

Nie hörte man ihn sagen, er habe gerade keine Zeit, immer kam er zu spät, weil er sich überall von allen aufhalten ließ.

Axel Quade, das Sonnenkind, vom ersten Atemzug an von seiner Mutter vergöttert, Frucht einer großen Liebe. Sein Vater war im Krieg gefallen, die Mutter untröstlich, jedenfalls beinahe. Viele boten der jungen Witwe ihre Schulter, einer wurde erhört, jedoch nie von dem Gefühl befreit, lediglich zweite Wahl zu sein. Die Eifersucht auf den Toten übertrug der zur Pedanterie neigende Bankkaufmann auf den Stiefsohn, der so ganz anders war als er selbst.

Sieben Jahre alt war Axel, als sie in die USA zogen, nach Ohio, zu seinem „halbjüdischen“, aus Deutschland geflohenen Großvater. Der Junge bestaunte die unzerstörten Städte, die warmen Duschen, vor allem aber die Herzlichkeit der Amerikaner. Bald hielt er die fundiertesten Klassenreferate über die Geschichte Amerikas, bald beherrschte er Englisch besser als Deutsch.

Seine Mutter aber packte das Heimweh. Vier Jahre nach dem Umzug kehrten sie zurück nach Berlin. Und wieder fühlte Axel sich fremd, und wieder brauchte er nicht lange, um gute Noten und viele Freunde zu erobern. Was ihm blieb, war ein leises, aber anhaltendes Fernweh.

Stolz war die Mutter auf diesen Sohn. Warum sollte sie ihn aus der Fünfzimmerwohnung in eine Studentenbude schieben? Auch Axel, der die mütterlichen Kochkünste zu genießen wusste, sah keinen Anlass auszuziehen.

Apotheker: In diesem Beruf, so hoffte er, konnte er all seine Lieben bündeln, die zu den Naturwissenschaften, die zu den Menschen, und die zu einem komfortablen Leben. Den Studentenausweis hütete er Zeit seines Lebens wie einen Schatz: So lange, unbeschwerte, von hübschen Frauen bevölkerte Jahre! Und daheim seine Mutter, die ihm huldigte wie je.

Erst nach der Feier zu seinem 33. Geburtstag, die laut und feucht gewesen war und große Unordnung angerichtet hatte, gab sein Stiefvater ihm den finalen Stoß in ein eigenes Leben.

Axel Quade pachtete die Apotheke in Lichtenrade, seine Mutter brachte ihm regelmäßig Töpfchen mit Kohlrouladen, Gurkensalat und andere Lieblingsspeisen vorbei. Axel hatte es gut, und andere sollten es gut haben bei ihm.

Gern stand er hinter dem Verkaufstresen, ein groß gewachsener, langnasiger Mann mit randloser Brille und klugem, gewitztem Gesicht. Noch lieber fuhr er zu den Kranken nach Hause. Er mochte die Menschen. Anders gesagt: Er mochte das Leben. Rasenmähen oder Baumbeschneidungen beobachtete er nur ungern. Wachsen lassen, blühen lassen, nicht einmischen in die Natur!

Ulrike, eine ehemalige Krankenschwester und Pharmareferentin, hatte eigentlich vorgehabt, sich in einen anderen zu verlieben. Doch auch sie verfiel dem Charme des Apothekers. Die ersten Jahre waren nicht leicht. Sie brachte eine kleine Tochter mit in die Beziehung und wusste bald um Axels Schwäche, nicht Nein sagen zu können. Nicht, wenn es darum ging, Feierabend zu machen, nicht, wenn eine Hübsche seine Nähe suchte.

Doch war die Unfähigkeit zum Nein nicht auch seine größte Stärke? So fragt sie sich jetzt, rückblickend. Wer nicht Nein sagt, sagt Ja. Ja sagen, das konnte Axel, zu allen Menschen und auch zu einer Ehe mit Ulrike. Immer tiefer, immer leichter wurde die Liebe, je länger sie währte. Laut singend standen sie gemeinsam im viel zu kleinen Bad, nackt tanzten sie durchs Wohnzimmer, schweigend saßen sie am Kamin.

Streiten aber verabscheute er. Vielleicht, weil ihn das an die eifersüchtigen Auseinandersetzungen zwischen seinem Stiefvater und seiner Mutter erinnerte.

Mit Ulrike zusammen gab er seinem Fernweh nach, mal an Bord großer Schiffe, mal fahrradfahrend durch Montreal, mal in tropischen Gewässern tauchend. Niemals jedoch fuhr er länger als drei Wochen im Jahr, er wollte seine Angestellten nicht vergrämen, keiner sollte sich ausgenutzt fühlen von ihm.

Erst im letzten Lebensjahr hörte er auf zu arbeiten. Da hatte er schon seit drei Jahren Krebs. Seine liebste Ablenkung war sein Enkel, mit dem er sich balgte, obwohl die Ärztin ihn davor warnte, mit dem er Löcher buddelte und Eisenbahnen schob. Noch einmal vor Mikronesien tauchen gehen, das war sein letzter Wunsch. Die Reise war schon gebucht. Doch sollte sie ins Unbekannte gehen. Er starb am Valentinstag. Die ganze Nacht lang hielt Ulrike seine Hand.

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