Berlin : Axel Urban (Geb. 1949)

Doch gab es auch hier Konkurrenz und Grenzen der Toleranz

Klaus Stohmeyer

Das Chaos brach über jedem Besucher herein, der seine Wohnhöhle betrat. Platten, CDs, alte Zeitungen, palettenweise Überraschungseier, Porno- DVDs, Rolling-Stones-Hefte, Briefe, Rechnungen, Wäsche und immer eine offene Schachpartie. Es war schwer, einen Sitzplatz zu finden.

Er befasste sich einfach mit zu vielen Dingen, vor allem mit Musik. Von den Beatles und den Stones kannte er sämtliche Touren, besaß Originalmitschnitte, kannte die Entstehungsgeschichten etlicher Titel. Außerdem beschäftigte ihn die Geschichte der Subkulturen.

Sein eigener erster Akt des Widerstands war die Kriegsdienstverweigerung gewesen und sein Ersatzdienst in der Psychiatrie. Eine trostlose Umgebung, in der viele Angestellte zu Drogen griffen. Bekanntschaft mit Haschisch hatte Axel schon als Schüler gemacht, dort aber wurden härtere Sachen ausprobiert.

1970 kam er nach Berlin. Demonstrationen und subversive Aktionen – Hauptsache, sie hatten Witz –, Drogenexperimente jeglicher Natur: Er war dabei. Ein Happening in der WG-Küche, zum Nachtisch ein LSD-Trip, und der übervolle Esstisch wurde mit den Ölfarbresten der Renovierung verziert und Schillerlocken an die Wand genagelt. Wer sich über das Chaos aufregte oder darüber, dass es mal stank und die Teller unbenutzbar waren, galt als Spießer.

Die Wohngemeinschaft zerfiel, von den Freundschaften der wilden Jahre blieb wenig übrig. Axel musste auf Entzug. Einen Beruf? Hat er nie gefunden. Hat er wohl auch nie gesucht. Jobs, ABM in Museen, Archiven, Kulturprojekten. Er wollte sich auch mal als Drogenberater um Ecstasy-User kümmern. Die Magisterarbeit über die politische Aktionskultur blieb eine seltene Konzentrationsleistung.

Seine Beziehungen hielten nicht lange, auch nicht die Ehe. Die Frau hatte er im Entzug kennen gelernt. Während er mit Rückfällen lernte, sich des Alkohols zu enthalten – blieben ja noch Hasch, Captagon und Valium –, kam sie von der Trinkerei nicht los. Er nahm die Dienste von Sexarbeiterinnen in Anspruch, wovon auch immer er sich das leisten konnte. Und fühlte sich zu der einen oder anderen freundschaftlich hingezogen.

Dann entwickelte er eine sehr exklusive Vorliebe für Bodybuilderinnen, ließ sich Filme aus Kalifornien schicken und sponserte eine Bodybuilding-Show in New York mit 1000 Dollar. Da fuhr er auch hin und ließ sich mit der von ihm unterstützten Muskel-Dame auf einem Empfang fotografieren.

Für die „Grünen“ war er lange Zeit sehr aktiv. Er redigierte die Zeitschrift „Stachel“, führte Interviews, schrieb Artikel. Doch gab es auch hier Konkurrenz und Grenzen der Toleranz. You can’t always get what you want! Er löste sich von der Partei, nachdem er in einer überhitzten Diskussion über Sarrazins Buch ins Abseits geraten war. Dabei war er weit entfernt davon, dessen Position zu verteidigen, er fand nur, man müsse sie ertragen und sich damit auseinandersetzen.

Axel wurde vielen unbequem, oft auch sich selbst. Grenzen der Freundschaft überschritt er und war dabei selbst sehr verletzlich. Wie jeder suchte auch er nach Anerkennung, wie viele verlor er sich auf der Suche in Süchten.

Endlich weg vom Alkohol, versuchte er mit einem Citybike, seinen Körper noch mal in Form zu bringen. Aber ganz auf Drogen konnte er nicht verzichten. Vier Herzinfarkte, und er wurde Stammpatient in dem Kreuzberger Krankenhaus, das seinen Namen trug. Drei Tage vor Weihnachten starb Axel Urban.

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