Berlin : Azubis ohne Stelle: Wolf warnt, IHK beruhigt

12 700 Bewerber haben keine Perspektive, sagt der Wirtschaftssenator. Die Kammer verspricht: Alle kommen unter

Heiko Wiegand

Wirtschaftssenator Harald Wolf (PDS) schlägt Alarm: Bis Ende Juni hätten 12 700 Ausbildungsbewerber in Berlin noch keinen Lehrvertrag unterschrieben, so Wolf gestern – angesichts der etwa 26 000 beim Landesarbeitsamt gemeldeten Bewerber um eine Lehrstelle eine alarmierend hohe Zahl. Ihnen stünden nur 4100 offene Stellen zur Verfügung. Wolf appellierte nochmals an die Berliner Unternehmen, trotz Konjunkturflaute mehr Ausbildungsplätze bereitzustellen. Besonders in türkischen Firmen sieht der Senator noch Kapazitäten.

Stefan Siebner, Sprecher der Berliner Industrie- und Handelskammer, widerspricht den Zahlen aus dem Senat: „Die Wirtschaftslage in der Stadt ist schlecht, selbstverständlich. Und das wirkt sich natürlich auch auf den Lehrstellenmarkt aus. Aber wir haben es bis jetzt immer geschafft, kurz vor Beginn des neuen Lehrjahrs allen Bewerbern, die wollen und können, auch einen Ausbildungsplatz zur Verfügung zu stellen.“ Mit einiger Kraftanstrengung werde das auch dieses Jahr wieder klappen. Wie viele Lehrstellenbewerber aktuell ohne Vertrag dastehen, konnte Siebner allerdings nicht sagen. Dies sei schwer nachzuvollziehen, weil viele Bewerber mehrere Zusagen bekämen. „Dann wird oft eine Lehrstelle angetreten und der Rest nicht abgesagt.“ Deshalb könnten die wieder frei gewordenen Stellen aber zunächst nicht wieder besetzt werden.

Ulrike Harstick-Tacke, Sprecherin des Landesarbeitsamtes, bestätigte zwar die Zahlen aus dem Wirtschaftssenat, teilt aber den Optimismus der IHK: „Es wird eine Kraftanstrengung, aber es wird wieder klappen.“ Am Freitag seien vom Senat die ersten Mittel aus dem Bund-Länder-Ausbildungsplatzprogramm für 600 betriebliche Lehrstellen frei- gegeben worden. Harstick-Tacke rät allen Bewerbern, die noch ohne Stelle dastehen, Kontakt mit den Arbeitsämtern zu halten, um auf neue Stellen reagieren zu können.

Siebner begründet seinen Optimismus aber auch mit Erfahrungswerten: Im vergangenen Jahr habe es mit den Azubi-Stellen zunächst ebenfalls brenzlig ausgesehen. Aber nach einer Nachvermittlungsaktion im September 2002, die von Kammern und Arbeitsverwaltung gemeinsam organisiert worden war, sei schließlich jeder untergekommen, der konnte und wollte. Eine solche Aktion ist auch für dieses Jahr wieder geplant.

Beim Können der Ausbildungsplatzbewerber hapere es allerdings in den vergangenen Jahren immer stärker, so der IHK-Sprecher. Nach einer Untersuchung der Humboldt-Universität sei inzwischen jeder siebte Berliner Schulabgänger aller Schulformen nicht mehr in der Lage, mit ausreichenden Kompetenzen in Lesen, Schreiben und Rechnen, aber auch mit befriedigenden sozialen Fähigkeiten eine Ausbildung zu starten. Allein im vergangenen Jahr hätten deshalb von insgesamt 10000 Lehrstellen im Bereich der IHK-Berlin rund 1000 nicht besetzt werden können, sagt Siebner. „Da sind auch die Schulen gefordert, sich mehr an den Bedürfnissen der künftigen Arbeitgeber der Schüler zu orientieren.“

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