Berlin : Baby misshandelt, Mädchen im Elend allein gelassen

Wieder fand die Polizei verwahrloste Kinder Beamte griffen in Reinickendorf und Marzahn ein

Jörn Hasselmann

Wieder wurden Kinder misshandelt und vernachlässigt. Mit einem Notarztwagen wurde ein vier Monate alter Säugling in der Nacht zu Freitag in eine Klinik gebracht. Das Mädchen sei in einem kritischen Zustand, sagte ein Polizeisprecher gestern. Am Kopf des Kindes stellten die Ärzte eine Hirnblutung fest, ein Ödem im Gehirn und mehrere ältere Hämatome am Kinn und am Jochbein. Der Vater hatte am Donnerstag auf das Mädchen im Marzahner Neubaugebiet aufgepasst, die Mutter war am Abend zum Kinderarzt gegangen, weil das Mädchen nicht mehr richtig atmen konnte. Der Vater gestand bei der Vernehmung, das Mädchen geschüttelt zu haben. Er kam am Abend ins Gefängnis. Die anderen beiden Kleinkinder versorgt jetzt der Notdienst. Die in der Flämingstraße in Ahrensfelde wohnende Familie stand unter „engmaschiger“ Betreuung des Jugendamts, hieß es.

Noch ein zweiter Vorfall erschreckte die Polizei am Donnerstag. Mittags rief eine Elfjährige die Polizei an, weil der Freund ihrer älteren Schwester mit dieser stritt und drohte, die Wohnungstür einzutreten. Als das Kind später den Beamten öffnete, standen sie in einer nach Polizeiangaben kalten, völlig verdreckten und verwahrlosten Wohnung. Die Wohnung gehört dem Bezirksamt Reinickendorf, das sie der Familie zugewiesen hat. Die Polizisten fanden das Mädchen Julia alleine vor, Essen oder andere Vorräte gab es nicht. Die einzige Waschgelegenheit war die Spüle in der Küche, die jedoch mit schmutzigem Geschirr voll gestellt war. Die Jalousien waren geschlossen, Julia konnte sie nicht öffnen. Die Polizisten brachten das Mädchen zum Kindernotdienst. Die Mutter jobbt in einer Kneipe und sagte den Polizisten am Telefon nur: „Schreiben Sie Ihren Bericht ans Jugendamt, mich interessiert das nicht.“ Die 40-Jährige wurde dann vernommen.

Die Familie war Mitte September wegen Mietschulden aus ihrer Wohnung im Senftenberger Ring geflogen und vom Bezirksamt in der Wittenauer Straße untergebracht worden. Schon damals ermittelte die Kripo, weil Julia seit einem halben Jahr nicht zur Schule gegangen war. Einmal brachte die Polizei sie zum Unterricht. Nach Angaben von Jugendstadtrat Peter Senftleben (SPD) habe das Kind in den vergangenen Wochen regelmäßig die Schule besucht, am Donnerstag hatte Julia mittags allerdings noch den Schlafanzug an, als sie der Polizei öffnete. Senftleben sagte, dass sich eine Familienhelferin seit September um die Mutter gekümmert habe. Der ältere Sohn ist bereits übers Jugendamt untergebracht. Trotz der zugewiesenen Bezirksamtswohnung hatte sich die Frau mit den beiden Töchtern und ihrem Freund im Oktober und November bei Bekannten auf eigene Faust einquartiert. Erst seit dem 22. November lebten die vier Personen in der Heimwohnung. Sozialstadtrat Frank Balzer (CDU) sagte, man würde die 50 Wohnungen nicht kontrollieren. Dem Hausmeister sei die Verwahrlosung nicht aufgefallen. Wieso die Familienhelferin nichts wusste, blieb unklar. Dem Mädchen geht es Jugendamtsdirektor Thomas Harkenthal zufolge gut. „Es will zurück zur Mutter.“ Stadtrat Senftleben sagte, das Mädchen bleibe zunächst im Notdienst; später sei denkbar, Mutter und Tochter im „betreuten Wohnen“ unterzubringen. Versäumnisse des Jugendamtes gebe es nicht.

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