Babyboom : Neue Mütter braucht das Land

Nach einem plötzlichen Anstieg seit 2007 wird die Zahl der Geburten in Berlin ab 2011 sinken, sagen Bevölkerungsstatistiker voraus. Der Babyboom wäre dann vorbei.

Ulrich Zawatka-Gerlach

Volle Spielplätze und hippe, junge Mütter, die am Helmholtzplatz einen Milchkaffee trinken: Prenzlauer Berg gefällt sich als Hochburg des Elternglücks. Aber nicht nur der Kiez, ganz Berlin präsentiert sich seit 2007 gern als Hauptstadt des Babybooms. Mit dem schlagartigen Anstieg der Geburtenzahlen, über den sich auch Familienpolitiker freuen, ist es allerdings bald zu Ende. Wenn die amtlichen Prognosen zutreffen, werden in Berlin spätestens ab 2011 wieder deutlich weniger Kinder geboren.

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Im Rekordjahr 2007 kamen 31 174 Babys auf die Welt. Das waren gut 1500 mehr als im Vorjahr. Von 2008 bis 2010 rechnet die Stadtentwicklungsbehörde noch mit rund 31 000 Geburten jährlich. Danach geht es laut den Bevölkerungsstatistikern stetig bergab. Für 2030 werden etwa 27 800 Geburten vorausgesagt. Damit folgt Berlin dem Bundestrend, wenn auch mit einiger Verspätung. Für die gesamte Republik stellte das Statistische Bundesamt schon für das letzte Quartal 2008 einen Einbruch bei den Geburtenzahlen fest.

„Dagegen können die Großstädte, in jedem Fall Berlin, vorerst noch mit stabilen Zahlen rechnen“, sagt Toska Wiener, Fachfrau für Demografie in der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung. Sie weist aber darauf hin, dass der angebliche Babyboom vorwiegend der Zuwanderung junger Menschen in das attraktive Berlin zugeschrieben werden muss, der „mobilen Gruppe der 18- bis 35-Jährigen“.

Das ist die Altersklasse, die prädestiniert ist zum Kinderkriegen. Unter ihnen sind viele Studenten und Akademiker, die sich am liebsten in den „angesagten“ Vierteln ansiedeln. Kein Wunder, dass Pankow, Mitte und Friedrichshain-Kreuzberg seit einigen Jahren Spitzenreiter bei den Geburtenzahlen sind. Schlusslicht sind Reinickendorf und Spandau. Die jungen potenziellen Eltern wandern hauptsächlich aus den ost- und westdeutschen Bundesländern zu. „Weniger aus dem Ausland, so der verstärkte Trend“, bestätigt die Bevölkerungsexpertin.

 Die Zuwanderung ist also ausschlaggebend für die Zahl der Geburten. Eine erhöhte Fruchtbarkeitsrate (Zahl der Kinder pro Frau) haben die Statistiker in ganz Deutschland bisher nicht festgestellt. „Vielleicht ist es treffender, in Berlin von einem Mütterbuckel als von einem Babyboom zu sprechen“, sagt Wiener. Damit soll es aber 2011 vorbei sein, falls keine neuen Entwicklungen eintreten, die in der vorliegenden Langfristprognose nicht berücksichtigt werden konnten.

Zum Beispiel sei nicht absehbar, wie sich die Finanz- und Wirtschaftskrise auf die Geburtenrate auswirken wird, sagt Wiener. Wahrscheinlich nicht positiv. Schon einmal hat ein einschneidendes Ereignis das Interesse an eigenen Kindern gewaltig geschmälert: der Mauerfall samt Wiedervereinigung. Das Echo des damaligen Geburtenknicks in Ostdeutschland macht sich in den kommenden Jahren statistisch bemerkbar – als schmerzliche Lücke. Denn jene (wenigen) Frauen, die nach 1990 geboren wurden, kommen nun ins gebärfähige Alter.

Weiterhin unerforscht ist, wie politische Maßnahmen zur Förderung von Familien die Geburtenrate in Berlin und Deutschland beeinflussen. Klar ist nur, dass der Bedarf an Kita- und Schulplätzen im nächsten und übernächsten Jahrzehnt wieder abnehmen wird.

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