Berlin : Babylonische Billeristik

Lesung en famille im Jüdischen Museum

Thomas Loy

Die Biller-Familie ist nur Fiktion. Wer hat wem das Schreiben beigebracht? Schämt sich die Mutter der Texte ihres Sohnes? Was ist mit der Schreibmaschine, die Maxim bekommen haben soll, als er 14 war? FAZ-Redakteur Volker Weidermann zielt mit seinen Fragen ins Leere. Er hat zu viele Maxim-Biller-Kolumnen gelesen und vor allem hat er sie für bare Münze genommen. „Alles ausgedacht“, entgegnet der Kolumnist. Die Familie Biller ist reine Literatur. Und doch sitzt sie am Montagabend auf dem Podium im Jüdischen Museum zum ersten Mal zusammen, finanziert von der „Brigitte“, für die Maxims Schwester Elena Lappin Kolumnen schreibt.

Alle Billers schreiben, außer dem Vater. Maxim fing an mit Hass-Kolumnen und schrägen Erzählungen, dann schrieb seine Schwester Elena einen Roman und schließlich drängten die Kinder ihre Mutter, auch was zu „Deutschlands erstaunlichster Literatenfamilie seit den Manns“ (Weidermann) beizutragen. Vielleicht war es aber auch ganz anders.

„Soll ich anfangen?“ Rada Biller liest aus ihrem autobiographischen Roman „Melonenschale“. Erzählt wird vom Mädchen Lea, das im Sommer 1943 ins zerstörte Stalingrad kommt. Das Leben Rada Billers reicht für mehrere Bücher. Als Spross einer jüdisch-armenischen Familie wird sie 1930 in Baku geboren, lebt später unter anderem in Moskau und Stalingrad, in den 50er Jahren kommt sie nach Prag. Nach der Niederschlagung des Prager Frühlings geht sie nach Hamburg. Elena und Maxim sprechen Tschechisch miteinander, ihre Eltern Russisch. Elena lebt inzwischen in London und schreibt ihre Bücher auf Englisch, Rada schreibt auf Russisch, Maxim auf Deutsch. Die Billers als babylonisches Experiment. Wobei Maxim klarstellt: „Wir lesen unsere Bücher gegenseitig nicht.“

Aber gegenseitig zuhören müssen sie doch. Elena darf als Zweite lesen. Sie hat „Natashas Nase“ geschrieben. Darin geht es um die Chefredakteurin einer kleinen jüdischen Zeitschrift namens „Nase“. Auch Elena war mal Chefredakteurin solch einer Zeitschrift. Sie schreibt pointiert wie ihr Bruder, behandelt ihre Charaktere aber um einiges pfleglicher.

Nun trägt Maxim seine scharfzüngigen, politisch unkorrekten FAZ-Kolumnen vor. Er wirft genussvoll alles durcheinander: Telefonsex, Kafka, Holocaust, Familienkrach und den israelisch-palästinensischen Konflikt. Eine Frau im Publikum erlebt eine Lacheruption. Elena wirft amüsiert ihren Lockenkopf nach hinten. Selbst Mutter Rada kann sich bald nicht mehr beherrschen. Dabei hoffte Elena in frühester Kindheit, dass Maxim mal Sänger wird. „Der hat ja früher eigene Tapes aufgenommen.“ Maxim singt tatsächlich, hat auch eine CD gemacht, die Elenas Kinder ganz schrecklich finden.

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