Berlin : Babys ohne Pocken-Schutz

Die Impfung ist zu gefährlich – Berlin plant Katastrophenübung

Ingo Bach

Bei der Vorbereitung auf einen möglichen Terroranschlag mit Pockenviren ist bisher der Schutz der kleinsten Berliner, die das erste Lebensjahr noch nicht vollendet haben, ein ungelöstes Problem. Denn sie dürfen nicht gegen Pocken geimpft werden, weil das gesundheitliche Risiko durch die starken Nebenwirkungen wie zum Beispiel einer Hirnentzündung für sie wesentlich höher ist, als für ältere Kinder und Erwachsene. Damit könnte für die rund 30 000 Unter-Einjährigen in der Stadt eine wichtige Pockenprophylaxe entfallen.

Die Alternative wäre, den jungen Patienten neben der Impfung mit einem geschwächten Virus gleich die fertigen Antikörper zu spritzen, um dadurch die Nebenwirkungen zu minimieren. Dieses Antikörper-Serum wird aus dem Blut von bereits geimpften Erwachsenen gewonnen. Das Blut ist allerdings frühestens einen Monat nach der Impfung dafür geeignet. Da in Berlin erst im Falle eines Anschlages geimpft werde, könne dann noch kein Serum zur Verfügung stehen, sagte ein Katastrophenschutzexperte dem Tagesspiegel.

In Israel zum Beispiel ist man sich dieses Problems bewusst. Bisher wurden dort bereits 17 000 Menschen vorbeugend gegen die Pocken geimpft, unter anderem deshalb, um aus ihrem Blut das Serum zur Immunisierung und zum Schutz von Babys gegen die Nebenwirkungen zu gewinnen. Dieses Serum wird auch exportiert, sei aber unerschwinglich teuer, sagen Infektologen.

Alternativ experimentiere man mit antiviralen Medikamenten (zum Beispiel HIV- und Herpes-Arzneien), um die Pocken auch bei Kleinkindern behandeln zu können, sagt der Fachmann. Doch da es keine Kranken mehr gibt – Pocken gelten seit 20 Jahren als ausgerottet – könne man die Wirkung der Arzneien nur an Tieren erproben.

In Berlin gehen derweil die Vorbereitungen auf einen Pockenanschlag weiter – obwohl Experten betonen, wie unwahrscheinlich ein solches Attentat sei. Ende März sollen die Vorbereitungen soweit abgeschlossen sein, dass im Ernstfall alles reibungslos läuft, sagt Sigurd Peters, Katastrophenschützer in der Senatsgesundheitsverwaltung. Dazu gehört auch die Übung einer Massenimpfung. Denn wenn der erste Pockenfall auftritt, werden 3,5 Millionen Berliner binnen fünf Tagen immunisiert. Dazu richten die Bezirksämter 135 Impfstellen meist in Schulen ein, die täglich 5000 durchschleusen sollen. Für die Übung, die an einem Märzwochenende stattfindet, haben die Experten eine Schule in Zehlendorf ausgewählt. Den genauen Termin und Ort hält die Gesundheitsverwaltung geheim, weil eine Vorankündigung die Wirkung der Übung zunichte machen würde, sagt Peters.

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