Berlin : Bär, Ball und Bademeister

25 000 kleine Berliner werden jetzt schon vor der Einschulung auf ihre Sprachkenntnisse geprüft

Jörg-Peter Rau

25 000 Kinder müssen zum Sprachtest: Berlin ermittelt bei allen zukünftigen Erstklässlern, wie fit sie in Deutsch sind. Dazu machen die Fünfjährigen einen eigens entwickelten Test namens „Bärenstark“. Nach Weihnachten geht’s los – wir erklären, wie die Sprachstandsmessung abläuft und wie sie dazu beitragen soll, dass alle Kinder optimal gefördert werden.

Die Grundlagen

In einem Klassenzimmer sitzt ein fünfjähriges Kind, Mama oder Papa sind dabei, dazu ein Lehrer oder eine Vorklassenleiterin. Und dann geht es los. Die Kleinen sollen zeigen, was sie in Deutsch so drauf haben. Spielerisch soll das ganze ablaufen, von „Test“ oder „Prüfung“ will niemand reden. Darum hat sich die Senatsschulverwaltung auch das schöne Wort „Sprachstandsmessung“ einfallen lassen. Messen tut nicht weh, es gibt keine Gewinner und Verlierer, niemand kann durchfallen. Doch der Lehrer notiert eben doch Punkte. Je nach Ergebnis wird attestiert, ob alles in Normalbereich liegt, ob „Förderbedarf“ besteht oder gar ein Problemfall vorliegt und wie viele zusätzliche Deutschstunden nötig sind.

Lehrer, die bereits vor einem Jahr den „Bärenstark“-Test in Mitte, Neukölln oder Schöneberg durchgeführt haben, bestätigen, dass er bei den Kindern gut ankommt: „Die meisten sind mit Feuereifer dabei“, sagt eine Lehrerin, die vor einem Jahr rund 50 Kinder getestet hat. Allerdings sei es nicht ganz einfach, die Kinder über die ganze Zeit bei der Stange zu halten – „viele können sich kaum eine halbe Stunde am Stück konzentrieren“.

Vor dem eigentlichen Test mit seinen 45 Aufgaben gibt es ein Gespräch mit den Eltern – und ein kleines Interview mit dem Kind. So sollen die Eltern sollen darüber Auskunft geben, welche Sprache oder Sprachen zu Hause gesprochen werden. Das ist oft bereits ein Problem. Zum Aufwärmen wird der kleine Prüfling beispielsweise gefragt, was er gerne isst und womit er gerne spielt. Wenn es bereits hier Verständnisprobleme gibt, sieht der Auswertungsbogen eine Spalte „Frage beantwortet ja/nein“ vor.

Die Testfragen

1. Teil: Verstehen. Hörverstehen und Wortschatz werden anhand von Körperteilen geprüft. Einem Teddybären sollen die Kinder zum Beispiel den Bauch streicheln. Wenn sie statt dessen den Kopf berühren, kennen sie das Wort „Bauch“ offenbar nicht. Dann sollen sie ihr linkes Auge zeigen. Zu den Namen der Körperteilen kommt also die Zuordnung von rechts und links. Schließlich müssen sie Körperteile an der Lehrerin benennen, etwa die Daumen. Einen Punkt gibt es hier nur, wenn die Antwort nicht „Finger“ lautet und der Plural richtig verwendet wurde.

2. Teil: Beschreiben. Die Kinder legen ein fünfteiliges Puzzle, dessen Bild eine Geschichte erzählt. Zu sehen ist eine Schwimmbad-Szene, die die Prüflinge in zehn möglichst anspruchsvollen Sätzen beschreiben sollen. Damit werden Verbformen und Satzbildung überprüft. Die Kinder sollen aber auch beweisen, dass sie ein Sprungbrett oder einen Bademeister auf Deutsch benennen können. Je nach Komplexität und Richtigkeit des Satzes gibt es null bis vier Punkte. Gut ist: „Zwei Mädchen spielen Ball.“, schlecht dagegen „Da spielt.“

3. Teil: Unterscheiden. Die Kinder ordnen sehr ähnliche Bilder mit Zoo-Tieren in zehn Paaren einander zu. Sie sollen die jeweiligen Unterschiede erkennen und benennen. Damit wird erhoben, ob Verben, Adjektive, Präpositionen, Zahlwörter oder Verneinungen beherrscht werden. Je nachdem, wie differenziert die Antwort ausfällt, gibt es zwischen drei und null Punkten (siehe nebenstehendes Beispiel).

4. Teil: Zuordnen. Ein Teddybär und eine Kiste dienen dazu, Lagebeziehungen auszudrücken. Zunächst sagt die Lehrerin beispielsweise: „Lege den Bären auf den Tisch.“ Wenn er dann auf dem Stuhl landet, gibt es keinen Punkt, da die Präposition nicht verstanden wurde. Dann legt die Lehrerin den Bären unter sein „Bett“, eine Schachtel. Das Kind soll dann korrekt sagen, dass der Bär „unter dem“ Bett liegt. Für die Präposition gibt es einen Punkt, für den grammatikalisch richtigen Kasus nochmals einen. Also: „Der Bär liegt an Bett“ ist ganz falsch, „Der Bär liegt unter die Bett“ halb richtig.

Die Auswertung

Das Ergebnis des „Bärenstark“-Tests ist ein umfassendes Sprachstandsprofil für das Kind. Das heißt: Für viele Einzelbereiche wird genau und trennscharf vermerkt, wo die Stärken und die Schwächen liegen. Der vierseitige Bogen umfasst nicht nur Aspekte zu Grammatik und Wortschatz, sondern auch Artikulation und allgemeine Beobachtungen. So kann eingetragen werden, ob ein Kind stottert oder Sprachen vermischt.

Wenn ein Kind ganz schlecht abschneidet, kann sich die Lehrerin überlegen, ob das Kind auf Sprachbehinderung überprüft wird. Unter Umständen und bei Zustimmung der Eltern besucht es dann die erste Klasse einer Sonderschule, wo es mit zusätzlichen Therapiestunden sprachlich fit gemacht wird.

Auf alle Fälle bekommt die Klassenlehrerin den gesamten Bogen an die Hand. Sie sieht auf einen Blick, ob das Kind viele Nomen kennt, diese richtig in die Mehrzahl setzt oder komplexe Sätze korrekt bildet. Idealerweise würde die Lehrerin dann für jedes Kind Schwerpunkte setzen, diese in Arbeitsblättern üben lassen und prüfen. Als Hilfestellung haben die Lehrer umfangreiche Unterrichtshilfen bekommen, die genau auf die jeweiligen Defizite zugeschnitten sind.

Wenn die Schulverwaltung den Nachtest im zweiten oder dritten Schuljahr einführt, wird es nochmals spannend: Dann wird klar, ob die Defizite behoben wurden. Bisher kann niemand die Qualität der Sprachförderung richtig überprüfen. „Bärenstark“ ist in dieser Hinsicht ein Meilenstein. Denn Lehrer, die ihre Schüler nicht so fördern wie der Test dies anregt, fallen künftig auf. Offen ist, welche Konsequenzen die Behörde bei Versäumnissen zieht.

Weitere Beispiele aus dem Test: www.tagesspiegel.de/baerenstark

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