Berlin : Bären-Auslese

Nackte Tatsachen: Zur Schlussgala der Berlinale kamen noch einmal die Studenten – gestört haben sie die Preisverleihung aber kaum

Andreas Conrad

Der Fortschritt der Technik ist nicht zu leugnen, nur auf einem Gebiet hat sich offenbar seit 1968 nichts getan: das Megaphon. Doch, Anke Engelke hatte schon recht: Es war ein lausiger Lautsprecher, den die verdeckten Vermittler studentischer Anliegen zur Preisverleihung in den Berlinale-Palast geschmuggelt hatte, um noch einmal, wie schon bei der Eröffnungsfeier, ein paar Forderungen los zu werden.

Prägnanter war da schon die splitternackte Blitzattacke draußen vor der Tür. Rund ein Dutzend Protestler, mit nichts an als ein paar aufgemalte Parolen, hatte vor der Gala den roten Teppich gestürmt und sekundenlang Katz und Maus mit der Polizei gespielt. Eine Anzeige wegen Hausfriedensbruch wird es von Festival-Chef Dieter Kosslick natürlich nicht geben, der die Studenten – „aber ihr sollt euch endlich anziehen“ – erst reden und gerade so ins Leere laufen ließ. Den Rest erledigte das Publikum mit Pfeifen. Anke Engelke hatte immerhin einen Tipp fürs nächste Mal: Die Studenten sollten doch sie bestellen, dann liefe das besser. Szenenapplaus!

Nein, es war keine wirkliche Störung, mehr ein unterhaltsames Element, zumal die Veranstaltung der Bärenvergabe anfangs etwas farblos zu werden drohte. Zwar waren die rosa Tulpen im Foyer schnell noch einmal gegen frische weiße ausgetauscht worden und standen stramm Spalier. Aber die Promi-Fotografen hatten deutlich weniger zu tun als vor zehn Tagen zur Eröffnung. Michael Gwisdek kam wie üblich ziemlich früh, trug die geliebte Baseball-Mütze, später erschienen auch Christina Rau, Klaus Wowereit, Walter Momper – und Claudia Cardinale. Ihr Besuch in Berlin hatte also doch einen Grund: Sie überreichte symbolisch den Scheck, der mit dem „Blauen Engel“-Preis verbunden war.

Kurz nach ihrem Auftritt wurde sogar noch gesungen: Die drei Mitglieder von Banda Osiris, deren Filmmusik für „Primo Amore“ mit einem Silbernen Bären geehrt worden war, bewiesen, dass sie auch live Talent als komödiantische Notensetzer haben.

Ansonsten war dies die Stunde der Familie: Kaum ein Preisträger, der ihrer nicht gedachte und sich bedankte, den Bären gar, wie Catalina Sandino Moreno gleich weiterreichen wollte – an ihre Mutter. Auch Fatih Akin, dessen Film „Gegen die Wand“ den Goldenen Bären erhielt, machte da keine Ausnahme. Denn viel besser als der Preis sei doch gewesen, dass seine Eltern den Film gut fanden. Und dann pries er gleich noch ganz Altona, den Rest von Hamburg – und dankte ganz besonders seiner Frau, denn „heute ist Valentinstag, das ist für dich“.

Fast alle Preisträger waren gekommen, auch dies ein Indiz für die neue Bedeutung der Berlinale. Früher war die Schlussgala allzu oft eine Vertreter-Feier. Diesmal fehlte nur Charlize Theron, die am letzten Sonntag eilig wieder nach Los Angeles geflogen war – zum Dinner der Oscar-Prämierten – und jetzt nicht schnell genug zurück konnte. Mit Concorde wäre das nicht passiert.

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