Berlin : Bässe im Bassin

Das Stadtbad Steglitz wird vorübergehend zur Disco. Und zum Theater, Flohmarkt, Frühstückscafé

Florian Alber

Vor zwei Jahren vergnügten sich die Badegäste hier noch wie zu Kaisers Zeiten. In der großen Schwimmhalle im Stil einer Basilika zogen sie ihre Runden. Oder sie stürzten sich ins Wasser, dass es bis zu den hohen Fenstern und Umkleidekabinen auf den Galerien spritzte, zu denen geschwungene Treppen hinaufführen.

Heute liegen Teppiche auf den blassgrünen Kacheln des Beckenbodens, und die Gäste trinken in Sesseln Cocktails – zwei Meter unter der einstigen Wasserlinie. Ein DJ hat seine Soundmaschinen im tiefsten Teil des Beckens aufgebaut und beschallt die Gäste mit Loungemusik. Auch Schauspieler und Chansonsänger treten hier auf oder es wird einfach gefrühstückt und geplaudert.

Seit 2002 ist das im Jahre 1908 gebaute und heute stark sanierungsbedürftige Steglitzer Stadtbad an der Bergstraße 90 trockengelegt, jetzt kümmert sich der „Berliner Kachelklub“ gemeinsam mit den neuen Besitzern um die Gastronomie und Musik – und hat große Pläne: Er will einen Kultur- und Tanztempel daraus machen und diesen so lange betreiben, bis der Badebetrieb wieder startet.

Die Wiederbelebung des Gebäudes begann im Januar 2004. Für einen symbolischen Kaufpreis von einem Euro überließ der Bezirk Steglitz das stillgelegte Bad der Friedenauer Sportlehrerin Gabriele Berger. Bedingung: Das denkmalgeschützte Gebäude muss wieder in Betrieb gehen. Sechs Millionen Euro will sie investieren und bis 2008 Wasser ins Becken lassen. Für die 54-Jährige ist es bereits das zweite Bad, denn seit fünf Jahren hat sie das Bewegungsbad in Marienfelde gepachtet.

Die Planungen seien abgeschlossen, zurzeit werde mit den Banken über die Finanzierung verhandelt, sagt Gabriele Berger. 2006 sollen die ersten Bauarbeiter anrücken. Bis dahin gibt es eben Chansonabende, Modeschauen und vieles mehr – der skurrile Ort kommt an. Sogar ein Programmheft wurde gedruckt.

Zu später Stunde verlagert sich das Geschehen in die engen Räume der Dampfsauna. Geschwitzt wird hier auch heute – beim Tanz unter Duschköpfen. In den vergangenen zwei Jahren hatte der Kachelklub bereits Erfolg im gleichfalls trockengelegten Bad an der Oderberger Straße in Prenzlauer Berg. Hunderte kamen regelmäßig zur Disco. Doch jetzt wird der denkmalgeschützte Bau saniert, er soll 2006 wiedereröffnet werden, weshalb der Kachelklub nach Steglitz zog.

Etwas Besonderes war das Stadtbad schon von Anfang an. Denn ein öffentliches Bad mit Heilbäderabteilung – das konnte Berlin nicht vorweisen. Steglitz war damals noch kein Teil der Hauptstadt, sondern mit 50 000 Einwohnern das größte Dorf Brandenburgs. Per Gesetz war es Berlin verboten, öffentliche Heilbäder zu bauen – die privaten Luxusbäder in Berlin sollten nicht gefährdet werden. Die Lobbyarbeit der Besitzer der Privatbäder wurde so zum Vorteil für Steglitz: Dessen hochmodernes Stadtbad mit Sauna lockte stadtmüde Berliner an.

Auch heute setzt Gabriele Berger auf Gäste aus ganz Berlin. Bis um 5 Uhr morgens wird an Wochenenden in den Badehallen gefeiert. Danach wird schleunigst aufgeräumt und geputzt, denn zum Flohmarkt am nächsten Morgen um 9 Uhr muss das Bad wieder sauber sein.

Programmheft unter Tel.: 797 480 28. Am 12.März ist wieder Disco, Eintritt: 6 Euro. Internet: www.stadtbad-steglitz.de oder www.kachelklub-berlin.de

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